Kultur

Schwetzinger Festspiele „La Fiera di Venezia“ halbszenisch aufgeführt

Die Ausgrabung einer Salieri-Oper

Im Gegensatz zum Vater Leopold, der im November 1785 in einem Brief an seine Tochter Nannerl das Werk, das im folgenden Karneval in München aufgeführt werden sollte, eine „dumme welsche Kindery“ nannte, „die mir Wehe thut, weil sie in der That, was die Musik betrifft, voll der ausgepeitschtesten gemeinsten Gedanken, altvätterisch, gezwungen und sehr Leer an Harmonie ist, die einzig Finale sind noch erträglich“, war der Sohn Wolfgang Amadeus Mozart wohl anderer Meinung.

Denn schon zwei Jahre zuvor hatte er sechs Variationen für Klavier G-Dur KV 180 über das Duett „Mio caro Adone“ aus dem zweiten Akt der Commedia per musica „La Fiera di Venezia“ von Antonio Salieri geschrieben, die 1772 im Wiener Burgtheater uraufgeführt und noch im selben Jahr im Mannheimer Hoftheater gezeigt worden war.

Rund 50 Jahre lang wurde die Oper des 1825 gestorbenen Komponisten in ganz Europa gespielt – danach lassen sich keine Aufführungen mehr nachweisen. Jetzt wurde sie im Rahmen der SWR Schwetzinger Festspiele ausgegraben und im Rokokotheater aufgeführt – allerdings nur halbszenisch. Gemäß dem Titel des Salieri-Divertimento-teatrale „Prima la musica, poi le parole“, wonach erst die Musik, danach der Text kommen, war das für den Erfolg der, einschließlich einer Pause, rund dreistündigen Aufführung aber nicht entscheidend.

Es ist eine übliche Liebesgeschichte, diesmal gleich in dreifacher Gestalt, die dann auch mit dreifachem Glück endet. Sie spielt während der alljährlichen Himmelfahrtsmesse, bei der sich Menschen unterschiedlicher Stände begegnen und einander suchen. Nach allerlei Wirrungen und Irrungen finden sich in diesem Fall zum Schluss der Herzog Ostrogoto und seine adelige Verlobte Calloandra, Falsirena, die Tochter des eigennützigen Dummkopfs Grifagno, und ihr Geliebter Belfusto, sowie der Gastwirt Rasojo und die Händlerin Cristellina.

In Schwetzingen zeichnet Deda Cristina Colonna für die halbszenische Einrichtung verantwortlich. Dabei genügen weiße Stühle für den zwölfköpfigen Chor, ein paar Notenständer, ein Instrument und ein Wäschekorb, der Verkleidungsutensilien enthält, auf der Bühne. Doch auch bei einer halbszenischen Aufführung sollte man nicht vom Blatt singen, wie das einige praktizieren.

Gekonnt dirigiert Werner Ehrhardt Chor und Orchester l’arte del mondo, die ausdrucksstark singen und spielen, und ist den Solisten ein einfühlsamer musikalischer Leiter. Stimmlich und darstellerisch meisterhaft, dazu komödiantisch, gestaltet die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli die Partie der Falsirena. Mit ziselierten Koloraturen wartet die Sopranistin Dilyara Idrisova als Calloandra auf.

Locker und leicht, mit glockenreinem Sopran singt Natalia Rubis die Partie der koketten Cristallina. Mit schmelzendem Tenor glänzt Krystian Adam als Ostrogonto. Ein überzeugender Grifagno ist der Bariton Furio Zanasi. Seinen lyrischen Tenor leiht Emanuele D’Aguanno dem Rasojo.

Mit expressiv-voluminösem Bariton gibt Giorgio Caoduro dem Belfusto Gewicht und ein fulminantes Profil. l Dieter Schnabe