Kultur

Das Interview Fotograf und Regisseur Anton Corbijn über seine Kunst und Begegnungen mit prominenten Musikern

„Die besten Fotos zeigen Menschlichkeit“

Ob U2, Herbert Grönemeyer, Mick Jagger in Frauenkleidern oder Michael Stipe auf dem Klo – Anton Corbijn hatte sie alle vor der Kamera. Im Bucerius Kunst Forum in Hamburg läuft eine große Ausstellung mit einem Querschnitt seines fotografischen Schaffens. Beim Interview erzählt der Künstler von seiner Arbeit mit den Berühmtheiten der Musikgeschichte und seiner Arbeitsweise.

Herr Corbjin, Sie wohnten in London neben Herbert Grönemeyer. Wie war er als Nachbar?

Anton Corbijn: Schrecklich! Er klingelte ständig, um Zucker auszuleihen. (lacht) Nein, im Ernst: Herbert ist großartig – als Nachbar und als Freund. Ich wurde übrigens sein Nachbar und er nicht meiner, denn ich bin dorthin gezogen, wo er schon wohnte. Herbert ist immer noch einer meiner engsten Freunde und jemand, der mir viel bedeutet.

Er gehört zu den vielen berühmten Musikern, die Sie abgelichtet haben. Können Sie mit dem Begriff Rockfotograf etwas anfangen?

Corbijn: Nein. Bei Rockfotografie geht es darum, wer auf dem Bild ist und nicht, was du mit dem Foto machst. Jedes Bild von Bon Jovi ist Rockfotografie. Ich habe stets versucht, Fotos zu machen, die du aus ihrer Welt herausnehmen, woanders hinpacken und dann immer noch lieben kannst. Sie sind nicht abhängig von der Musikwelt. Es ist Porträtfotografie.

Warum fotografieren Sie in Schwarz-Weiß?

Corbijn: Ein Teil der Ästhetik ist der Tatsache geschuldet, dass ich Anfang der Siebziger kein Geld hatte. Ich konnte mir nur Schwarz-Weiß-Filme leisten. Es geschah also aus der Not heraus. Außerdem waren die Künstler, die ich anfangs fotografierte, nicht so bekannt und wurden nur in Schwarz-Weiß-Magazinen gedruckt. Als ich es mir schließlich leisten konnte, so zu fotografieren wie ich wollte, kam ich zu der Ansicht, dass Schwarz-Weiß kein Handicap ist, sondern die bessere Wahl. Aber ich habe es nicht gewählt, um ästhetisch anders zu sein.

Anfangs hat die Ästhetik auch nicht jedem gefallen …

Corbijn: Das stimmt. Ich habe damals Bands für die Plattenfirma Ariola fotografiert. Sie schrieben mir irgendwann einen Brief, dass meine Bilder zu dunkel seien und sie nicht mehr mit mir arbeiten wollten. Ich weiß gar nicht, ob ich den Brief noch habe. Das ist 40 Jahre her.

Hat mittlerweile digitale Fotografie in Ihre Arbeit Einzug gehalten?

Corbijn: Nein, ich verstehe mich immer noch als analoger Fotograf. Ich habe mir zwar einige Leica-Kameras zugelegt, weil die so wunderschön sind, aber die benutze ich eher für kommerzielle Fotos. Den Rest erledige ich immer noch analog, denn ich liebe Film und einen Hauch von Abenteuer – auch wenn es sich leider immer weniger danach anfühlt. Aber die Tatsache, dass du ein Foto geschossen hast und für eine Weile nicht weißt, ob es gut geworden ist, ist eine Spannung, die mir sonst fehlen würde. Und die Unvollkommenheit, die das mit sich bringt, machen Bilder auch menschlich.

Welcher Künstler hat Sie besonders beeindruckt?

Corbijn: Einer der ersten Künstler, die ich traf, war Captain Beefheart. Das war 1980, und er war sofort eine beeindruckende Persönlichkeit für mich. Zwei Jahre nach dem Treffen hörte er auf mit der Musik und wurde Vollzeit-Maler. Es war meine erste Verbindung zu einem Maler. Er war der faszinierendste Mensch, den ich je getroffen habe. Aber die, die ich immer wieder treffe, sind es auch. Deshalb treffe ich sie ja immer wieder.

Normalerweise sind Fotografen Beobachter von außen. Inwieweit sind Sie mittlerweile selbst Teil der Popkultur?

Corbijn: Das hat sich erst im Laufe der Zeit so entwickelt. Erst in den späten Achtzigern, speziell durch das Albumcover von U2s „Joshua Tree“, wurde meine Bildsprache zu dem, was die Leute mit der Musik oder den Musikern assoziierten. Das war der Wendepunkt für meine Karriere. Aber ich versuche immer noch der Underdog zu sein. Denn das Einzige, was sich wirklich verändert hat, ist die Höhe der Lohnschecks.

Wie entsteht die Intimität Ihrer Fotos?

Corbijn: Ich habe kein Fotostudio, wo die Personen mich aufsuchen. Ich reise immer dorthin, wo die Leute sind. Wir sind also meistens in ihrem Umfeld. Die Situation ist Teil des Fotos. Ich achte darauf, dass sie sich nicht überfallen fühlen. Ich manipuliere kein Licht, es fühlt sich nicht wie ein kontrolliertes Fotoshooting an. Es passiert nur zwischen mir und der Person, die ich fotografiere. Das hilft, dass sich die Musiker menschlich fühlen. Die besten Fotos zeigen meiner Meinung nach Menschlichkeit.

Im Falle von Depeche Mode sind Sie stilprägend …

Corbijn: Mir gefällt es, wenn wir etwas Interessantes machen. Denn Depeche Mode sind eine Band, die nicht viel kommuniziert. Albumcover und Bühne sind ihre Wege der Kommunikation. Die Musik ist natürlich das Wichtigste. Aber die Optik kommt gleich an zweiter Stelle. Was auch immer du für sie machst, ist also Teil ihrer Sprache. Anders bei U2, die auch viel durch Interviews kommunizieren.

Was würden Sie sagen, wenn eine Newcomer-Band Sie heute bitten würde, sie zu fotografieren?

Corbijn: Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass ich ja sage. Ich will mich selbst nicht wiederholen. Da gibt es nichts zu lernen für mich. Und wenn du ein 18-jähriger Musiker bist und einen Fotografen fragst, der über 60 ist, läuft es wohl auch falsch. Ich verbringe meine Zeit lieber an einem Film.