Kultur

Die Chronik der Kunsthalle

Archivartikel

1907

Mannheim feiert sein Stadtjubiläum. Zum 300. Geburtstag wird die „Internationale Kunst- und Große Gartenbauausstellung“ am neu erbauten Friedrichsplatz eröffnet. Die prosperierende Industriestadt baut dafür ein Ausstellungsgebäude. Knapp 900 Gemälde und Plastiken zeitgenössischer Künstler werden hier als Leihgaben in kompletten Raumausstattungen gezeigt. Zur Finanzierung trägt maßgeblich eine Stiftung des jüdischen Kaufleute-Ehepaars Julius (1841-1893) und Henriette (1847-1901) Aberle bei. Den Auftrag zum Bau erhält der Karlsruher Professor Hermann Billing (1867-1946), ein bekannter Jugendstil-Architekt. Der Eingang liegt aber an der Moltkestraße. Zum Friedrichsplatz hin ist nämlich ein weiterer, größerer Bau geplant.

1909

In der Ausstellungshalle wird im Dezember die Städtische Kunsthalle eröffnet. Direktor wird Fritz Wichert, erst 31 Jahre alt und vom Frankfurter Städel-Museum berufen. Er legt den Grundstein für die Mannheimer Sammlung, denn bisher gibt es – im Schloss – nur wenige Bestände des großherzoglichen Galeriedirektors sowie 91 Gemälde aus einem Nachlass.

1910

Auf Initiative von Wichert kaufen neun Mannheimer Bürger für 90 000 Goldmark das bis heute berühmteste und wertvollste Gemälde der Kunsthalle, „Die Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexico“, ein 1868/69 gemaltes Bild von Édouard Manet. Das ist heftig umstritten, aber Basis für die von Wichert vorangetriebene Sammlungskonzeption, nämlich ein Museum für moderne Kunst der deutschen und französischen Malerei.

1911

Wichert gründet mit Hilfe von Gewerkschaften und Sozialdemokraten den „Freien Bund zur Einbürgerung der bildenden Kunst in Mannheim“, der bis 1914 über 7000 Mitglieder zählt. Sein Programm zur Kunstvermittlung mit wöchentlichen Lichtbildvorträgen und speziellen Führungen auch für die Arbeiterschaft macht deutschlandweit Furore. Im Ostflügel wird ein Kunstwissenschaftliches Institut mit Bibliothek und Lesesaal gegründet.

1912

Mit der Ausstellung „Ausdrucks-Plastik“ öffnet sich die Kunsthalle auch für Skulpturen.

1914

Der Gemeinderat beschließt eine Erweiterung der Kunsthalle auf dem freigehaltenen Areal am Friedrichsplatz nach dem Entwurf des Berliner Architekten Bruno Schmitz mit einer riesigen Kuppel. Finanziert werden soll er durch das Erbe der Geschwister Reiß. Wegen des Ersten Weltkriegs wird das Projekt aber nicht realisiert.

1916

Mannheim widmet dem expressionistischen Plastiker Wilhelm Lehmbruck die einzige umfassende Ausstellung zu Lebzeiten.

1923

Gustav Friedrich Hartlaub wird Direktor, sorgt für den Einzug der deutschen Expressionisten in die Sammlung und stärkt den Ausstellungsschwerpunkt Skulptur.

1925

Hartlaub richtet die Ausstellung „Die neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei nach dem Expressionismus“ aus. Damit gibt er der ganzen Stilrichtung einen Namen, weshalb die „Neue Sachlichkeit“ für die Ära deutscher, oft sozialkritischer Kunst nach dem Ersten Weltkrieg kunstgeschichtlich bis heute mit Mannheim verknüpft ist.

Ab 1933

Die Nationalsozialisten brandmarken die in Mannheim präsentierten Meisterwerke der internationalen Moderne und des Expressionismus als „Kulturbolschewistische Bilder“. In zwei Säuberungsaktionen wird „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Der 1936 berufene Direktor Walter Passarge versucht, auf die Sammlung von Werkkunst – Keramik, Porzellan, Glas – auszuweichen.

1943

Im Zweiten Weltkrieg wird die Kunsthalle stark zerstört. Unter einem Notdach geht es nach dem Krieg weiter

1949/50

Die Schausammlung wird wieder eingerichtet. Nach der NS-Diktatur versucht die Kunsthalle, als „entartet“ beschlagnahmte Werke zurückzuerhalten und die Sammlung um abstrakte Malerei zu ergänzen. Erst 1957 kann die zerstörte Kuppel wieder rekonstruiert werden.

1958

Heinz Fuchs wird Direktor. Es gibt immer wieder Diskussionen um einen Erweiterungsbau, wofür der Architekt Hans Mitzlaff 1966 einen ersten Entwurf vorlegt.

1969

In der Ära Fuchs wird Mannheim eine der wichtigsten Sammlungen moderner Plastik. Dazu gehört der 1969 erworbene „Große Fisch“ von Constantin Brancusi, platziert im Herzen des Billing-Baus und bald eine Art Erkennungszeichen der Kunsthalle.

1974

Erste Generalsanierung des Jugendstilbaus mit Beseitigung der letzten Kriegsschäden.

1977

Gründung des Förderkreises der Kunsthalle, der für einen Neubau kämpft und dem bis heute viele Erwerbungen zu verdanken sind.

1983

Der vom Mannheimer Büro Lange Mitzlaff Böhm und Müller geplante Neubau wird eröffnet. Die „FAZ“ schreibt von „unauffälliger Nutzarchitektur“. Schon früh heißt es, der Bau wäre zu klein, zu unauffällig, im Innern nicht klimatisierbar. Dabei steigen die Baukosten von den angepeilten 20 und dann genehmigten 23 Millionen D-Mark auf 27,5 Millionen D-Mark. Mit der Eröffnung des Neubaus wird Manfred Fath Direktor, der die Sammlung erweitert, zahlreiche spektakuläre, sehr publikumsträchtige Großausstellungen auf die Beine stellt und in dessen Ära der Museumsshop gegründet wird.

1988/89

Die Sonderschau „Meisterwerke von Courbet bis Picasso“ mit Werken des wegen Renovierung geschlossenen Museums Sao Paulo zieht 164 500 Besucher an – ein Rekord.

1994

Unter Federführung der Kunsthalle werden Skulpturen in der Innenstadt, in der Augustaanlage und entlang des Heinrich-Vetter-Wegs im Luisenpark präsentiert – die „Mannheimer Skulpturenmeile“.

1999

Mit Hilfe der Hector-Stiftung saniert und klimatisiert die Kunsthalle den Bunker unter dem Mitzlaff-Bau als Depot und Ausstellungsfläche. Aber es dringt weiter Feuchtigkeit ein.

2002–2007

Rolf Lauter wird Direktor. Er ruft das Motto „Neue Kunsthalle“ aus, stößt viele Umgestaltungen und Umbauten an, oftmals von Gönnern finanziert. 2007 wird ihm wegen finanzieller Probleme und organisatorischer Eigenmächtigkeiten von der Stadt zunächst Inge Herold an die Seite gestellt, dann wird er von der Stadt ganz abberufen und Herold übernimmt alleine die Leitung.

Oktober 2008

Der Gemeinderat wählt Ulrike Lorenz, Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg, zur neuen Kunsthallendirektorin. Schon früh regt sie an, über einen Neubau anstelle der Sanierung des Mitzlaff-Baus nachzudenken.

2009–2012

Über 40 Diskussionsveranstaltungen, Foren und öffentliche Sitzungen zur Frage „Sanierung oder Neubau?“ werden angeboten.

24. Mai 2011

Die Machbarkeitsstudie des Ingenieurbüros Assmann Beraten+Planen zeigt erhebliche bauliche Mängel am Mitzlaff-Bau, die sich letztlich auch bei einer Sanierung nie ganz beheben ließen. Ein Neubau sei langfristig wirtschaftlicher, rechnen sie vor.

8. Juni 2011

Beim „MM“-Bürgerbarometer befürworten genau 50 Prozent der Mannheimer den Vorschlag, den Mitzlaff-Bau abzureißen und durch einen überwiegend von privaten Förderern finanzierten Neubau zu ersetzen, 36 Prozent sind für eine Sanierung.

19. Juli 2011

SAP-Mitgründer Hans-Werner Hector und seine Frau Josephine sagen eine 50-Millionen-Euro-Spende für einen Neubau zu.

26. Juli 2011

Einstimmig fasst der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss für einen Abriss des Mitzlaff-Baus und einen Neubau an dieser Stelle – sofern eine Finanzierung von dritter Seite möglich ist.

17. Februar 2012

Im Amtsblatt der Europäischen Union wird die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs zum Neubau veröffentlicht.

26. Juni 2012

Der Gemeinderat beschließt den Finanzierungsanteil der Stadt am Neubau: zehn Millionen Euro.

19. Juli 2012

Der internationale Architektenwettbewerb ist abgeschlossen, es werden drei gleichrangige Preise vergeben. Mit den drei Architekturbüros geht es in das sogenannte Verhandlungsverfahren, bei dem sie ihre Ideen überarbeiten müssen.

5. Dezember 2012

Das Verhandlungsverfahren ist abgeschlossen, das Büro Gerkan, Marg und Partner (gmp) erhält den Zuschlag.

18. Dezember 2012

Der Gemeinderat beschließt den Neubau nach den Plänen von gmp – bei nur zwei Gegenstimmen.

18. Oktober 2013

Nach über dreijähriger, 22 Millionen Euro teurer Generalsanierung wird der Jugendstilbau eröffnet.

12. Mai 2014

Der erste Schritt für den Abriss des Mitzlaff-Baus: Die als „Männele“ bekannte Skulptur auf dem Dach, eine Spende von Hans Bichelmeier, wird demontiert. Sie wird restauriert, ein neuer Platz für sie gesucht.

13. Mai 2014

Der Gemeinderat beschließt den Vertrag zwischen Stadt und Stiftung Kunsthalle, die Bauherrin wird.

22. Mai 2014

Das Modell der Fassade wird der Öffentlichkeit präsentiert.

24. Juli 2014

Die letzte rechtliche Hürde auf dem Weg zum Neubau der Kunsthalle ist genommen. Der Landtag weist zwei Petitionen ab, in der sich Architekten sowie eine Bürgerinitiative gegen den Abriss des Mitzlaff-Baus aussprechen.

29. Juli 2014

Das Regierungspräsidium Karlsruhe erteilt die Abbruchgenehmigung.

11. August 2014

Der Abbruch startet mit Entkernung des Mitzlaff-Baus. Museumsbetrieb im Jugendstilbau läuft weiter.

26. August 2014

Die heiße Phase des Abbruchs beginnt: Ein 49 Tonnen schwerer Longfront-Bagger beißt erstmals in die Fassade.

Anfang Oktober 2014

Der Abtransport von Bauschutt beginnt. Täglich fahren bis zu zwölf Lastwagen von der Baustelle ab, ohne nennenswerte Verkehrsstörungen.

11. November 2014

Die letzte Phase des Abbruchs beginnt: Die 2,50 Meter dicken Betonmauern des Bunkers werden abgetragen – nicht gesprengt, sondern zum Schutz der Anwohner mit riesigen Meißeln zerkleinert. 11 500 Kubikmeter Beton sind zu entsorgen.

23. Dezember 2014

Baubürgermeister Lothar Quast übergibt die Baugenehmigung für den Neubau.

24. Dezember 2014

Die Baustelle ruht über die Feiertage.

Ab 24. Februar 2015

Die Baugrube wird für den Rohbau hergerichtet, die alte unterirdische Stromzentrale abgebrochen.

12. März 2015

Der letzte Abriss-Großbagger fährt weg.

23. März 2015

Die Grundsteinlegung markiert den ersten Meilenstein beim Neubau. Landesfinanzminister Nils Schmid sieht ihn als „Leuchtturmprojekt“.

April 2015

Start der Fundamentarbeiten (Erdarbeiten, Entwässerung, Versorgungsgräben).

8. Juli 2015

Erster Teil der Bodenplatte für das neue Ausstellungshaus wird gegossen.

20. August 2015

Ein Jahr nach Beginn der Abrissarbeiten erreicht der Neubau das Erdgeschoss.

Oktober/November 2015

Decken über Erd- und erstem Obergeschoss werden geschlossen.

19. Februar 2016

Decke über zweitem Obergeschoss geschlossen. Rohbau erreicht höchsten Punkt: 21,5 Meter.

April 2016

Mit Ausschalung der Decken sind alle sieben Kuben des Neubaus fertiggestellt. Erste Arbeiten des Innenausbaus beginnen im Untergeschoss.

Mai 2016

Brücken und Treppen werden eingehängt. Im Tageslichtatrium wird das Gerüst für die großen und statisch extrem wichtigen Balken des Glasdachs aufgestellt.

24. Juni 2016

Neubau erfordert kurzfristig neue „Staubmauer“ im Jugendstilbau, weil es beim Gebäudeanschluss des Neubaus an den Athene-Trakt Dreck gibt.

 Juni 2016

Unterkonstruktion und Wärmedämmung für Faserzement-Platten-Fassade beginnt.

1. Juli 2016

Richtfest feiert Neubau als „Signal des Aufbruchs“

Oktober 2016

Glasdach über Atrium wird installiert.

Dezember 2016

Beginn mit Montage der Dämmung. Ende des Jahres ist das Gebäude wetterfest.

9. Januar 2017

Der Jugendstilbau schließt wegen des Anschlusses an den Neubau.

März 2017

Faserzement-Platten an der Fassade Roonstraße sind fertiggestellt. Zugleich beginnt die Firma GKD in Düren, das Mesh für die Fassade zu weben.

April – Juli 2017

Testphasen und sukzessive Abnahmen der technischen Gebäudeausstattung.

!5. Juli 2017

Schnuppertag „Architektur pur“ für die Bevölkerung.

Juli – Oktober 2017 

Team der Kunsthalle bezieht Büroräume im Neubau.

Herbst 2017

Metall-Fassade ist fertig montiert. Ausstattung und Besucherleitsystem werden installiert und getestet.

Oktober / November 2017

Einzelne Plastiken und künstlerische Großobjekte werden installiert.

8. November 2017

Stiftung Kunsthalle gibt bekannt, dass wegen technischer Probleme im Dezember der Neubau weitgehend ohne Kunstwerke übergeben wird, die eigentliche Eröffnung erst im Juni 2018 folgt.

15. bis 17. Dezember 2017

Rund 21 750 Besucher besichtigen am Wochenende den Neubau. Die Mannheimer sind begeistert, nehmen ihn buchstäblich in Besitz. Dann aber wird das Gebäude wieder geschlossen.

18. Dezember 2017

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert Mannheim bei der offiziellen Schlüsselübergabe der Stiftung an die Stadt zu seinem „wirklich ganz wunderbar gelungenen Erweiterungsbau“.

1. bis 3. Juni 2018

Endgültige Eröffnung mit vier Ausstellungen und einem feierlichen „Grand Opening“-Wochenende.

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