Kultur

Im Gespräch Ulrich Tukur erzählte vor seinem Konzert von sich und seinen Vorstellungen und gibt Einblick in sein Leben

„Die Digitalisierung tötet unsere Fantasie“

Archivartikel

„Glücklicherweise ist hier die Zeit stehengeblieben“, spricht Ulrich Tukur beim Pressegespräch am Freitag, als er sich über Kloster Bronnbach äußert. Ihm gefällt das Ambiente und die unterschiedlichen Baustile, viel Barock, Gotik und Romanik. Als Schüler, so erzählt er, war er auch im Kloster, in einer Schule in der Nähe von Großkrotzenburg. Das war eine tolle Zeit für ihn, und er hat für das Leben unheimlich viel gelernt von den Mönchen, fährt er fort.

Er liebt die Musik der 1920er

Tukur ist als Schauspieler einer der bekanntesten Charakterdarsteller Deutschlands und vielfach ausgezeichnet. Daneben schreibt er Bücher – aktuell entsteht ein Roman von ihm – und macht auch noch Musik. Zusammen mit den „Rhythmus Boys“ steht er seit 1986 zusammen auf der Bühne, und dabei liegen ihm besonders die Lieder der 1920er, 30er und 40er Jahre am Herzen. Da wurde noch echte gute Musik gemacht, findet er und dass die Musik von heute viel zu „linear“ sei. Er kannte viele der Stars von damals noch persönlich. Einige lud er in den 1980er in seine Sendung auf NDR 3 ein, die immer Sonntagmittag lief. Dort machte er mit den Altstars Musik und lernte viel von ihnen.

Die meisten von ihnen, bedauert Tukur, sind in Vergessenheit geraten, wie Rudi Schurike, Margot Werner oder Margot Hielscher. Dabei lebt Tukur grundsätzlich nicht in der Vergangenheit. Ihm ist viel mehr wichtig, dass die Vergangenheit bewahrt und nicht vergessen wird. „Vergesst nicht unsere Vergangenheit, wir haben eine große Tradition“. Tukur ist in allen Zeiten unterwegs, der Gegenwart, der Zukunft und auch in der Vergangenheit.. „Die Horizontalität unseres Lebens frustriert mich“, gibt er freimütig zu.

Und die „Digitalisierung tötet unsere Fantasie“, fürchtet er. Das alles klingt sehr fatalistisch, aber Tukur meint es eher realistisch. „Jedes Geheimnis wird durch die Digitalisierung zerkleinert, zerstückelt und zerstört“. Die Bilderflut, mit der wir überschüttet werden sei „fürchterlich“. Der Mensch könne sich noch so weit entwickeln, wie er es sich vorstellen kann, aber „sein Glück wird der Mensch niemals finden“.

Auch das ist ein Grund, warum Tukur so gerne Musik macht. Mit der Musik erreicht er in kürzerer Zeit viel mehr beim Publikum, als wenn er drei Stunden Theater spielen würde. Genau deshalb macht ihm die Musik mit den Rhythmus Boys so großen Spaß. Es seien alle keine Profimusiker, aber die Freude am Spielen überträgt sich auf das Publikum und entführt es in eine andere Welt.

Skurriler Stil

„Zu Beginn unserer Karriere war die Optik wichtiger als unser Spiel, aber das hat sich mit dem Alter gewandelt“, so Tukur. Die Combo spielt seit über drei Jahrzehnten zusammen, ihren skurrilen Stil haben sie beibehalten. Da ist kein Abend wie jeder andere, Tukur und seine Mitmusiker hassen Monotonie und Gleichförmigkeit. Am liebsten spielen sie in kleineren Hallen oder Sälen, so 600 bis 800 Besucher sind ideal, aber sie füllen auch mühelos die Elbphilharmonie in Hamburg mit mehreren tausend Plätzen. Das ist Tukur fast schon wieder zu viel, aber für seine Kollegen schluckt er auch diese Kröte.

Am liebsten zieht er sich während seiner Pausen auf seinen Hof in Italien zurück. Da fühlt er sich wohl und die Umgebung ist so ruhig und ohne Hektik. Vor dem Besuch in Bronnbach war Tukur in Mexiko und total überrascht von Land und Leuten. „Die Mexikaner sind wie die Italiener, nur ruhiger“, hat er festgestellt, und er hat sich zu keiner Sekunde unsicher in dem mittelamerikanischen Land gefühlt.

Italien – Seine zweite Heimat

Überhaupt Italien, das ist seine zweite Heimat. In Venedig hat er sich seiner Frau zuliebe niedergelassen. Aber dort ist es ihm zu hektisch. Familie Tukur plant, nach Deutschland zurückzukehren, er möchte nach Hamburg, sie nach Berlin. Galant wie der Künstler ist, gibt er dem Wunsch seiner Frau nach. Aber ob er sich nach 20 Jahren Italien in Deutschland wieder einleben kann, bezweifelt er. Die Lebensfreude der Italiener wird er auf jeden Fall vermissen.

Dafür kann er sich in Deutschland wieder mehr der deutschen Sprache und Literatur widmen. Tukur liebt Gedichte und Verse. „Gedichte sind funkelnde Edelsteine“, so Tukur.

So einfach aus dem Stegreif heraus zitiert er Wilhelm Busch, auch wenn der für ihn ein radikaler Mensch war. Wahrscheinlich ist es genau diese Zerrissenheit, die Ulrich Tukur so erfolgreich macht.

Er ist immer auf der Suche nach Perfektion und dem wahren Sinn des Lebens. Aber „das Leben ist absurd und wahrscheinlich sinnlos“, fällt ihm zum Schluss ein, bevor er sich zum Soundcheck für den Auftritt bei der Kreuzgangserenade in Kloster Bronnbach begibt. Eigenbetriebsleiter Dr. Matthias Wagner geht mit ihm und zeigt ihm das Kloster von innen und seine tollen Räumlichkeiten. me