Kultur

Das Porträt Die Schwedische Akademie zeichnet die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis aus

Die Dirigentin der Gedanken

Archivartikel

Schon als junges Mädchen hat sich die neue Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt. „Ich war ein einsames Kind“, sagte die 1943 in New York geborene Lyrikerin in einem ihrer seltenen Interviews. „Meine Interaktionen mit der Welt als soziales Geschöpf waren unnatürlich, gezwungen, und ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe.“ Besonders bei Gedichten habe es sich angefühlt, als ob die Autoren direkt zur ihr sprächen. „Mein frühes Schreiben war dann ein Versuch, mit diesen Autoren zu kommunizieren, ihnen zu antworten.“

Auch als erwachsene Autorin zieht Glück Bücher Menschen vor. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Art von Person bin, nach der sie jemals suchen würden“, sagte sie, nachdem sie Anfang der 2000er-Jahre zur offiziellen Dichterin der Kongressbibliothek in Washington gekürt wurde. „Denn ich habe sehr geringes Interesse an öffentlichem Leben auf die Art, wie sie es verstehen.“

Die öffentlichen Auszeichnungen häuften sich für die Lyrikerin trotz ihrer Ablehnung des Scheinwerferlichts: Sie bekam etwa Guggenheim-Stipendien, den Pulitzer-Preis, den National Book Award und nun 2020 den Literaturnobelpreis.

Ungeliebter erster Gedichtband

Glücks Spezialität sei „genau die Sache, die nur lyrische Dichtung schaffen kann, und die zu den intimsten, nicht-öffentlichsten Dingen gehört, die Wörter schaffen können: Die ganz spezielle Musik der Gedanken zu imitieren“, schrieb die „New York Times“ einmal.

In ihren Texten geht es fast immer um Emotionen und Gedanken – um Einsamkeit, Familienbeziehungen, Liebe, Verzweiflung, Scheidungen und Tod – oft durchwirkt mit klassischen antiken Mythen und Sagen. „Das ist die normale menschliche Erfahrung“, sagt Glück. „Man benutzt also sich selbst als Labor, um darin die für einen selbst zentralen menschlichen Dilemmata zu üben und zu meistern.“

Die Lyrikerin wuchs als Tochter eines Unternehmers und einer Hausfrau in New York auf, ihre Großeltern väterlicherseits waren aus Ungarn eingewanderte Juden. Als Kind litt Glück unter Essstörungen, Psychotherapie ist bis heute ein wichtiger Teil ihres Lebens.

Nach der Schule besuchte sie zeitweise das Sarah Lawrence College und die Columbia University in New York. Später lehrte Glück, die zweimal verheiratet war und einen Sohn hat, an verschiedenen Universitäten, heute an der Elite-Universität Yale. Sie lebt laut Schwedischer Akademie im US-Bundesstaat Massachusetts.

Ihr erster, 1968 erschienener, Gedichtband „Firstborn“ sei ihr heute eher peinlich, sagt Glück. „Ich schaue ihn mir jetzt an und er scheint mir dünn und uninformiert und gefüllt von dem Wunsch zu schreiben. Das nächste Buch zu schreiben – „The House on Marshland“ – hat etwa sechs Jahre gedauert und ich denke, von diesem Punkt an bin ich gewillt, meinen Namen drauf zu setzen.“

Ganz schnell oder ganz langsam

Rund ein Dutzend Gedichtsammlungen folgen, von denen „Wilde Iris“, das 1992 im Original und 2008 auf Deutsch erschienen ist und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, von Kritikern bis heute als ihr bestes angesehen wird.

Sie schreibe auf zwei ganz unterschiedliche Arten, sagt Glück. Entweder ganz langsam oder ganz schnell. „Es gibt die Gedichte, die immer und immer wieder neu bearbeitet werden, auseinandergenommen werden, aber in sehr komprimierter Zeit. Und dann gibt es Gedichte mit widerspenstigen Wörtern, Phrasen, Dinge, von denen ich denke, dass sie besser sein könnten.“ Wichtig sei aber die stetige Veränderung: „Sobald ich mich selbst fassen und beschreiben kann, will ich sofort das Gegenteil tun.“

Glück sei eine „fast schon geisterhafte, immer schwarz angezogene Figur“, schreibt die „New York Times“ über Glück. „Ihre Gedichte schicken einen in die Welt hinaus, ein bisschen kälter, aber komplett wach, mit ihrer Stimme nachklingend im Kopf.“ 

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