Kultur

Literatur im Schloss Geniales Übersetzer-Duo Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel legt in Bad Mergentheim eine rasante Lese-Show hin

Die Dose für reisende Sardinen geöffnet

Da gibt es am (vorläufigen) Ende nur ein Fazit – genial! Was die beiden Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel bei der jüngsten „Literatur im Schloss“ in Bad Mergentheim ablieferten war absurd, wahnwitzig, humorvoll, hinreißend.

Ein kleiner französischer Basistext aus dem Surrealistischen ins Deutsche übersetzt und dann durch den Mixer der Stil-Möglichkeiten gedreht, ver- und überformt, gedichtet, verlängt und ins Paranoide, Medizinische und Zoologische weiter übersetzt. Klingt merkwürdig und kaum nachvollziehbar? Ist es auch. Wer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel im Roten Saal aber live erlebt hat, weiß spätestens jetzt, dass der Übersetzungsakt nicht ein uninteressantes Beiwerk, Hilfswissenschaft oder gar notwendiges Übel der Literatur ist, sondern (im Idealfall) das weite Aufreißen eines Tores zwischen Sprache(n) – mit jeder Menge Überraschung und Witz.

Raymond Queneau (1903-1976) erzählt eine Geschichte. Er erzählt sie (1947) nicht einmal, zweimal oder dreimal, – er variiert sie mehr als 120 mal. Sie ist nicht einmal spannend, sondern banal. Ein Mann mit auffällig langem Hals im Bus, mit Hut samt seltsamem Hutband und einem schlecht sitzenden Knopf.

Schmidt-Henkel und Heibert betreten den Roten Saal durch zwei separate Türen – und werfen das große Publikum mitten ins Thema ihrer „Stilübungen“: „Ah, oh, mhm“ und so weiter. Interjektion nennt das die Germanistik: Ausrufe, Gefühlsausdruck, die keiner näheren Erläuterung bedürfen. Der Hörer, Miterlebende, versteht schon, was gemeint ist.

Die 120 Variationen, Etüden, Stil- und Spielübungen laufen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Queneau hat diese vorgegeben, sie aber gleichzeitig offen gehalten für Neues und Anderes. Rhetorische, literarische Stilmittel wie Alliterationen, Metaphern oder das Homoioteleuton – der (End-)Reim nahe aufeinanderfolgender Wörter – sind da nur eine Plattform.

Man kann den Text auch auf Genre-Ebene variieren: als Schauerroman, Liebesgeschichte, Telegramm. Oder lyrisch: als Ode, Sonett, in Alexandrinern oder als traditionelles japanisches Haiku. Man kann die Geschichte botanisch erzählen oder gastronomisch.

Wollte man aber das, was Schmidt-Henkel und Heibert auf die Bühne brachten, hier auch nur versuchen nachzuerzählen, würde es wirklich banal. Man muss es lesen – besser: direkt hören.

Doch ein Beispiel? Vielleicht das aus dem tierischen Fabulierkreis: „Im Zenit des Tages predigte in einem Käfer mit weißlichem Unterleib, der als Dose für reisende Sardinen diente, ein Hähnchen mit gerupftem Langhals überfallartig einer friedlichen unter ihnen, und seine Worte entfalteten sich klagefeucht in den Lüften...“. Kann man in diesem Text die Ur-Version vom auffälligen jungen Mann im Bus gerade noch so erkennen, kann er buchstaben-mathematisch weiter exerziert zu so etwas werden: „Im S, zur Oißstetz, tupisdierte ein Pyt von ungefähr zwechsunzangis Hanreej, der einen gnalen nünden Suhl und einen drokel- statt dangbeschünkten Thu hatte…“. Wie ein kaputtes Mikrophon hört sich das an oder in weiteren Varianten wie Rückwärtslesen.

Die Grenze der Vermittelbarkeit in einem journalistischen Text wie diesem (den Sie jetzt gerade lesen) ist offensichtlich. Wird der Queneau-Text jedoch gut eingeführt und dann mit didaktischer Bedachtsamkeit weiter-, durch- und aufgeführt, dann wird’s ein Riesenspaß „mit viel Spiel und Übermut“, wie Heibert festhält.

Regel-Spiel mit Bruch-Regel

Und doch ist dieses Spiel nicht beliebig – es ist (wenn man das so nennen wollte) exakte Übersetzer-Arbeit, die Regeln einer fremden Sprache mit den Regeln der Zielsprache synchronisiert und sich dabei immer wieder etwas einfallen lassen muss, weil Übersetzung eben nicht exakt („wörtlich“ oder an einem Versmaß orientiert) sein kann.

Leit-Haltung beim Übersetzen: „Schreiben wie der Autor in der eigenen Sprache“. Und: Die Spielregeln einhalten, zu denen aber auch gehört, gegen die Regeln zu verstoßen.

Rasante Reise in „Dialekte“: Der Mann-im-Bus-Text auf Bayerisch oder in Küchenlatein – da liegt der Zuhörer schon fast am Boden, während die Übersetzer-Autoren bierernst ihre Stückchen zum Besten geben. Ein Auftritt, der auch auf jeder guten Kabarettbühne sein vor Vergnügen brüllendes Publikum gefunden hätte.

Indes muss der weniger heitere Teil rund um Raymond Queneaus „Stilübungen“ auch genannt werden. Zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland lehnten die Verlage eine Veröffentlichung ab. Das Politische, Subversive war so offensichtlich, dass das Ins-Absurde-Führen von Regeln als Widerstand hätte gelten müssen. Oder, besser gesagt, Widerstand war.

Königsklasse: Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel sind mit ihrem Werk (erschienen bei Suhrkamp) in ihrer Disziplin längst dort angelangt. Die Jury des Straelener Übersetzerpreises 2017 über das Übersetzter-Duo: „Sie spielen so präzise wie übermütig mit den Formen des Sprechens und Erzählens und feiern damit den großen Reichtum unserer Sprache“.

Ein Glücksfall ist es, dass der Kurator von „Literatur im Schloss“ Ulrich Rüdenauer die sympathischen Vorleser überhaupt nach Bad Mergentheim holen konnte, denn mit so viel Rückenwind sind die beiden seit langem ausgebucht. Nach dem Top-Lyriker Jan Wagner im April waren Schmidt-Henkel und Heibert quasi die „extended version“ in Sachen herausragende zeitgenössische Literatur. Beide Veranstaltungen haben den Bücher-Lese-Hunger gestillt und verstärkt zugleich.