Kultur

Schauspiel Anton Tschechows Drama „Iwanow“ am Staatsschauspiel Stuttgart in der Inszenierung des Trend-Regisseurs Robert Icke ist ein ernster Spaß

Die Erkenntnis: Das Dasein ist ganz und gar sinnlos

Archivartikel

Venedig ertrinkt in Fluten. In Stuttgart holt man sich das Wasser freiwillig ins Haus. Natürlich konnte Robert Icke, der Anton Tschechows „Iwanow“ fürs Schauspiel bearbeitet hat und auch Regie führt, nicht ahnen, dass das nasse Element so viel aktuelles Potenzial bergen würde. Heutig ist sein Werk, das gerade eine rauschende Premiere feierte, dennoch. So heutig wie Tschechow und seine Stücke in unseren Tagen sein können.

Denn hier wie dort schlagen die Emotionen Wellen. Und die sind immer zeitgemäß. Nikolas, schwermütig, um sich selbst kreisend und unfähig, irgendetwas in seinem Leben zu ändern, sitzt zu Beginn des Abends auf seinem eigenen Sarg und ist schon tot, bevor er es weiß. Benjamin Grüter spielt diesen Nikolas grandios, als in sich versunkenen Grübler, innerlich Zerrissenen, als Zweifler und Selbstbeschuldiger, der von seiner todkranken Frau Anna nicht weg und zu seiner jungen Geliebten Sascha nicht hin kann. Er ist zur menschlichen Hülle geworden, geht zur Zerstreuung auf Parties der Nachbarn. Er tanzt zur dröhnenden Musik, erwacht aber immer nur kurz aus seinem komatösen Zustand, nur um erneut im Abgrund seiner Schuldgefühle zu versinken.

Sinnbild für Schwermut und emotionale Fessel ist das Wasser, mit dem Hildegard Bechtler die Bühne geflutet hat und das als Träger der Emotionen elementarer Teil der Inszenierung ist. Die Figuren haben bei Icke heutige Namen, tragen Alltagskleidung (Wojciech Dziedzic) und langweilen sich auf einer treibenden Insel. Der Wassergraben ist trennendes und verbindendes Element zugleich. Er hemmt die Bewegungen, macht das Handeln zäh und hindert daran, den eigenen Ideen zu folgen. Jene, denen das gelingt, springen leichtfüßig über einen Steg in die andere Welt, die anderen verharren wie Gestrandete ohne Aussicht auf Veränderung. Anna etwa, die Paula Skorupa als still Leidende gibt, mit beherrschter Selbstachtung. Oder Klaus Rodewald als Onkel Matthias, der als verarmter Adel und Schmarotzer im Campingstuhl festgewachsen ist.

Icke enthüllt subtil das Tragikomische in Tschechows Drama, ohne es dem Kitsch preiszugeben. Und er zeichnet dabei echte Typen, die sich wie üblich langweilen und sich selbst verwalten. Allenfalls Geld spielt eine Rolle. Dass die Kontraste funktionieren, verdankt sich auch dem gelungenen Spiel mit dem Licht (Natasha Chivers), das Nikolas’ trübe Gegenwart und mögliche strahlende Zukunft mit der quirligen selbstbewussten Sascha (Nina Siewert) metaphorisch untermalt. Der Blick auf die Videoleinwand ist wie eine Vogelschau auf sich selbst, an deren Ende die Erkenntnis steht: „Das Leben ist ganz und gar sinnlos.“

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