Kultur

Berlinale Beiträge der Regisseurinnen Agnieszka Holland, Marie Kreutzer und Teona Strugar Mitevska überzeugen im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele

Die Frauen geben den Ton an

„Das Private ist politisch“, hat Dieter Kosslick als diesjähriges Berlinale-Motto ausgegeben. Dann präzisiert: „Konsum ist politisch, Familie ist politisch, Autofahren, Essen und Landwirtschaft, vieles, was unser privates Sein bedingt, ist politisch.“ Entsprechen laufen zu all diesen Themen Filme, viele handeln von Familien und Familienstrukturen, die auseinanderfallen. Das ist ein weltweit zu beobachtendes Phänomen.

Gutes Beispiel: „Der Boden unter den Füßen“ von der Österreicherin Marie Kreutzer („Die Vaterlosen“). Heldin Lola jettet als Unternehmensberaterin nonstop zwischen Rostock und Wien hin und her, mit ihrer Vorgesetzten unterhält sie ein Verhältnis, der nächste Schritt auf der Karriereleiter steht bevor: ein hoch dotierter Job in Sydney. Da unternimmt ihre psychisch kranke Schwester einen Selbstmordversuch... Das präzise Psychogramm einer Erfolgsfrau auf der Überholspur, auf den Punkt gespielt von Valerie Pachner. Ein Kontrollfreak verliert die Kontrolle, Ordnung weicht dem Chaos. Ganz nahe liegen Aufstieg und Absturz beieinander.

Mit Diktator kollaboriert

Komplizierte Familienverhältnisse auch in Skandinavien, bei „Out Stealing Horses“ von Hans Petter Moland, der 2014 vor Ort in Berlin mit seiner schwarzen Komödie „Einer nach dem anderen“ punktete. Eine Vater-Sohn-Geschichte nach Per Pettersons Bestseller „Pferde stehlen“. Ein Witwer (Stellan Skarsgård) erinnert sich an den Sommer 1948, eine Zeit des Glücks – und einer bitteren Enttäuschung. Eine ruhig erzählte Initiationsgeschichte, die elegant zwischen den Zeiten wechselt. Atemberaubend ist die Naturkulisse, in der die Männer Rundholz schlagen, während beiläufig Norwegens NS-Vergangenheit angesprochen wird.

Politisch wird’s bei „Mr. Jones“ von Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) aus Polen, ein Porträtfilm über den weitgehend vergessenen walisischen Journalisten Gareth Jones, der 1933 gegen zahlreiche Widerstände aufdeckte, wie Stalin das Land terrorisierte und die Bevölkerung der Ukraine verhungern ließ. Formal bislang das Glanzstück des Wettbewerbs, von Tomasz Naumiuk in düsteren Farben vorzüglich fotografiert, furios montiert und penibel ausgestattet.

James Norton („McMafia“) erweckt den unnachgiebigen Reporter zum Leben, Vanessa Kirby („The Crown“) sorgt für das sinnliche Moment, Peter Sarsgaard („An Education“) darf als Pulitzerpreisträger Walter Duranty, der mit dem Diktator kollaborierte, glänzen. Der mazedonische Beitrag „God Exists, Her Name Is Petrunija“ von Teona Strugar Mitevska ist eine Satire, die schon im Vorfeld als Preisträger gehandelt wurde.

Der Geduldsfaden reißt

Beim traditionellen Tauchen am Dreikönigstag – eine Männersache – holt die 32-jährige Titelheldin, diplomierte Historikerin, das heilige Kreuz aus dem Wasser. Skandal! Und, schlimmer noch, sie will es nicht zurückgeben. Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen – und hier reißt einer der Geduldsfaden. Schreiend komisch, bissig und klug. Ein Blick in eine Gesellschaft voller Stereotypen und fatalem Opportunismus. Hauptdarstellerin Zorica Nusheva haben Zuschauer wie Kritiker gleich ins Herz geschlossen.