Kultur

Enjoy Jazz Bei der Matinee Portfolio Americano räumen die Künstler im Marchivum mit Klischees auf

Die Kraft des Blues beschworen

Es ist ein eindringlicher Sonntagvormittag, mit dem sich Enjoy Jazz im Marchivum Gehör verschafft. Denn das „Portfolio Americano“ wird vor ausverkauftem Haus nicht nur zu jenem „politischen Statement“, das die Mannheimer Live Kultur-Vorsitzende Nadja Peter sich gewünscht hat. Der Blues regiert – mit allem Leid, das mit seiner Geschichte verbunden ist – bewusst in jenem Raum, der binnen der nächsten zwei Jahre zum NS-Dokumentationszentrum umgebaut wird.

Videosequenzen gezeigt

Eine Setzung, die Wirkung zeigt. Denn während die vorbeifliegenden Videosequenzen von Filmkünstlerin Christina Stihler glorreiche Blues-Zeiten in der Quadratestadt mit der Armut afroamerikanischer Sklaven verzahnen, hat längst ein Quartett auf der Bühne Platz genommen, um die optischen Eindrücke mit der entsprechenden Akustik zu untermauern. Und wie das in diesen Minuten geschieht! Mit der existenziellen Wucht eines Charles Bukowski liest Schauspieler Oliver Jaksch aus einem Handbuch der Existenzen, das vor allem mit einem alten Klischee aufräumt: dass der Blues in heiterer Folklore die Lebensfreude der Landleute verhandle. Gewiss: Die Kapitel der Agonie zwischen zerlumpter Kleidung und endlosem Hunger, knochenharter Arbeit und epischer Hoffnungslosigkeit tragen „die Tränen eines weinenden Herzens“ in sich. Doch dass Menschen zu Musikern wurden, um der Lebensschwärze „Down in Mississippi“ mit aller Kraft etwas entgegenzusetzen, imponiert tief und nachhaltig.

Ausnahmemusiker wie Jörg Teichert, Flo Huth und Simon Seeleuther verstehen sich in diesen intensiven Minuten hervorragend auf die richtige gestalterische Dosis, um von Johnny Cash bis Robert Johnson in das Kaleidoskop eines Genres Einblick zu gewähren, ohne dabei zu viel zu verraten. Dass diese andeutungsweise Ahnung zwischen aufkommendem Radio-Jazz und den geistlichen Varianten den Hunger auf mehr eröffnet, ist dabei durch und durch gewollt. Denn auch, wenn am Ende das Nachdenken dominiert, fasst ein Satz dieses Vormittags die Kraft des Blues unmissverständlich zusammen: „Ich mag in der Fremde sein, aber hier ist das Nahe, das Eigene, das Vertraute.“

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