Kultur

Freier Tanz im Delta Festival beginnt eindrücklich und vielfältig

Die Kunst der Bewegung

Mit einer witzigen Reflexion über das Choreographieren eröffnen Elisabeth Kaul und Tess Lucassen mit „Ein Tanzstück“ das Festival Freier Tanz im Delta VIII. Dazu lassen sie einen Marsch spielen und exerzieren im Auf- und Abgehen ein einziges Bewegungselement. Als hätten sie lange imaginäre Röcke an ihren Hüften gerafft, übersetzt die eine den Marsch bald steif und aufrecht oder elegant und stolz; die Partnerin hingegen bald lässig und leidend oder genervt. Und danach sind sie erst mal aus der Puste und diskutieren, wie sie weitermachen. Im Scheitern und wieder von vorne starten eines Bewegungsablaufs wird der Arbeitsprozess sichtbar und der Blick des Publikums intelligent irritiert.

Vielfältig sind die Konzepte, mit der die freie Tanz- und Performance-Szene arbeitet. In „The Three Graces“ der Gruppe „Chronos“ wird ebenfalls eine Ebene der Reflexion verhandelt. Dabei geht es um den Blick auf den weiblichen Körper. Die Drei Grazien sind Vera Goetzee, Charlotte Mathiessen und Coralie Merle, indem sie Bilder von Rubens, Botticelli oder Michelangelo nachstellen. In den sich stetig wandelnden Tableaus verweisen die drei Tänzerinnen nicht nur auf die Geschichte der Kunst, sondern auch auf den Blick von Betrachtern als machtvolles Verhältnis. Wer blickt? Und wer wird betrachtet? Mehr und mehr hintertreiben die Drei Grazien ihren Status als Betrachtungsobjekt und der Blick auf die weiblichen Körper erfährt eine Korrektur.

Finale mit mythischer Königin

In „Off-Balance“ von Sylva Safková wird dieser Blick wieder stabilisiert. Am Seil, das der Tänzer Tyrel Larson festhält, hängt seine Partnerin Veronika Kornova-Cardizzaro. Hier werden Spannungsverhältnisse zwischen zwei Menschen durchgespielt. Doch die zwischen Passivität und Aktivität schwankenden Körper werden, wie die ans Seil geschnürte Tänzerin, zum Fetisch des Blicks.

Max Levy und Miyuki Shimizu untersuchen Formen von Ritual und Monotonie. Dazu beschränken sie den Bewegungsspielraum und verlagern ihre Körper nur gering. Doch das Ergebnis zeigt dem konzentrierten Blick, dass die kleinen Verlagerungen zu großen Veränderungen führen. Und wieder hat der Initiator von Freier Tanz im Delta, Sascha Koal, großes Gespür für die Abfolge der Tanzstücke bewiesen. Denn zum Schluss lässt er die mythische Königin Alceste auftreten. Alexandra Lemoine tanzt auf einer alten Aufnahme von C. W. Gluck nach einer Choreographie von Stefano Giannetti. Ihr zweifelhaftes Schicksal rührt den Blick auf.