Kultur

Das Interview Schauspieler Wolfram Koch über das Arte-Flüchtlingsdrama „Eden“, aktuelle Politik und die Probleme des Erklärtheaters

„Die Leute wollen nicht belehrt werden“

Über mangelnde Beschäftigung muss Wolfram Koch nicht klagen. Derzeit probt der Schauspieler für eine neue „Tatort“-Folge (Koch spielt seit 2015 an der Seite von Margarita Broich Hauptkommissar Paul Brix, einen der zwei Frankfurter Ermittler). Ein paar Tage vorher sahen wir ihn noch in Oftersheim, wo Dreharbeiten für ein deutsch-französisches Projekt liefen: das Flüchtlingsdrama „Eden“. Im Gespräch flüchtet sich Koch auch bei politischen Belangen nicht in Allgemeinplätze.

Herr Koch, Sie wirken für die Sender SWR und „Arte“ an der Fernsehserie „Eden“ mit. Es geht darin vor allem um die Frage, was die Flüchtlingsproblematik aus Europa macht. Hat Sie der Stoff eher politisch oder eher künstlerisch gefesselt?

Wolfram Koch: Das Eine schließt das Andere nur selten aus. Ich fand es spannend, eine Serie über Flüchtlinge zu machen, die fünf Handlungsstränge hat. Diese berühren sich gelegentlich, aber das wird kaum kommentiert – die Stränge stehen meist für sich da. Einer spielt etwa in Frankreich, und ein anderer in Deutschland. Es ist ein Kaleidoskop an Fragestellungen, der Zuschauer muss seine Antwort darauf selbst finden. Wir geben keine Lösung vor. Wir sind keine Moralinstanz.

Am Drehort haben Sie gesagt, die Szenen würden förmlich implodieren. Wie war das gemeint?

Koch: In der deutschen Folge geht es um ein Lehrerehepaar, Juliane Köhler spielt die Frau, das einen Flüchtling aufnimmt. Und die beiden stellen sich das eben leichter vor, als es tatsächlich ist. Es gibt rasch zwischenmenschliche Probleme mit dem Sohnemann, der schon in der Familie lebt, sich an den Rand gedrängt fühlt und gegen den Flüchtling rebelliert. Er kommt einmal mit einer Haube auf dem Kopf zum Essen – weil Muslime seiner Meinung nach stets so herumrennen. Die Szene fängt harmonisch an und endet hilf- und sprachlos. Das ist Implosion.

Adnan Jafar, der Darsteller des Flüchtlings, weiß ja selbst, was eine Fluchtgeschichte ist.

Koch: Adnan hat das alles hinter sich, doch er erzählt davon ganz still und nüchtern. Er ist selbst mit einem Boot gekommen, hätte aber vorher nie daran gedacht, aus seiner Heimatstadt je wegzugehen – weil er dort sehr glücklich war. Er musste weg, wegen des Krieges.

Deshalb bringen Sie pauschale Sprüche über Flüchtlinge so auf die Palme.

Koch: Solche pauschalen Sprüche sind einfach nur dumm. Das sind klischierte Überlegungen, die Leute denken keinen Meter weit. Aber bei tausend Menschen gibt es immer zwei Idioten, überall. Und übrigens: Gerade habe ich gehört, dass die EU viel Geld an Deutschland zahlt – für die Bereitschaft, Flüchtlinge ins Land zu lassen. Das war anfangs sicher auch naiv, doch viele Menschen haben sich großartig dafür eingesetzt. Die Rechten sollten da mal ruhig ihr Hirn ein bisschen aufmachen.

Sie loben, was den Einsatz angeht, ja den Bürgermeister Bensheims sehr, Rolf Richter.

Koch: Wie der gekämpft hat, vor zwei Jahren war das, das fand ich vorbildlich. Er hat gar seinen Frankreich-Urlaub abgebrochen, um zuhause an der Bergstraße ein Lager einzurichten und die Helfer nicht im Stich zu lassen.

Muss man auch als Schauspieler in diesen rauen Zeiten Flagge zeigen?

Koch: Auf dem Theater machen das viele Kollegen. Das heißt aber nicht, dass man bei jedem künstlerischen Vorgang mit dem Finger auf politische Probleme zeigt, ich bin nicht für „Erklärtheater“, das bringt überhaupt nichts. Denn die Leute wollen nicht belehrt werden. Das hasst der Zuschauer.

Die Serie „Eden“ läuft zunächst auf „Arte“. Werden da am Ende nur die ohnehin schon Sensibilisierten für das Flüchtlingsthema sensibilisiert?

Koch: Schwer zu sagen. Ich persönlich lande stets bei Arte, wenn ich fernsehe. Ich weiß nicht, ob ich dadurch schon besonders sensibilisiert bin – auf den anderen Kanälen kommt zurzeit einfach ziemlich viel Mist. Aber die Zuschauer sind nicht so blöde, wie die meisten Fernsehanstalten vermuten. Denen kann man schon ein bisschen mehr zumuten, finde ich.