Kultur

Neujahrskonzert Enthusiastischer Beifall für das Württembergische Kammerorchester und Haydns „Schöpfung“ in der Heilbronner Harmonie

Die Parodie einer paradiesischen Paarbeziehung

Im tosenden Schlussapplaus ertrinken die Beteiligten fast vor Glück: Die Zürcher Sängerknaben, der Dirigent Howard Griffiths, die Sopranistin Elisabeth Breuer, der Tenor Maximilian Schmitt und allen voran der Bariton Michael Nagy, der erst kurz vor dem Auftritt für den erkälteten Thomas E. Bauer einspringt, sie alle und das gastgebende Württembergische Kammerorchester (WKO) werden in der Harmonie gefeiert und umjubelt. Zu Recht. Dabei schien das Neujahrskonzert des WKO zunächst unter keinem guten Stern zu stehen.

Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, gedacht als symbolischer Auftakt für das Jahr der Heilbronner Bundesgartenschau (Buga 2019), fordert allen Beteiligten enorm viel Kreativität und allerhöchste Kon-zentration ab. Erst sagt der Brite Kevin Griffiths ab. Er kann das Problem familiär lösen: als Maestro am Pult wird er von seinem Vater Howard Griffiths vertreten. Grandios, denn der erfahrene Dirigent schafft, dass im Laufe des Konzerts zusammenwächst, was nur teilweise zusammen geprobt hat, aber zusammengehört: Vokalsolisten, Chor, Orchester – und Publikum.

Die Stimme versagt

Kurzfristig war Mojca Erdmann erkrankt, für den Shooting Star unter den Sopranistinnen wird die österreichische Sängerin Elisabeth Breuer gewonnen. Dem Bariton Bauer versagt bei der Generalprobe am Vormittag endgültig die Stimme. Zunächst übernimmt ein älteres Chormitglied den Part. Bis zur Aufführung am Abend glühen die Drähte heiß, quasi in letzter Minute findet sich die Rettung: Michael Nagy, der ungeprobt alles riskiert.

Anfänglich ist die Spannung mehr Last als Lust. Nach der Intro, die Finsternis und Chaos instrumentiert, hat Nagy in der Rolle des Raphael das erste Wort: „Und Gott schuf Himmel und Erde…“ Trotz männlich kraftvoller Stimme überlagert das Orchester den Sänger. Behutsam bremst Griffiths den Elan der Instrumentalisten. Unisono das wohltemperierte „Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser“ des Knabenchores, der den Umschwung zum strahlenden C-Dur des Lichts intoniert, das der Tenor Maximilian Schmitt als Uriel solide bekräftigt: „Und Gott sah das Licht, dass es gut war…“. Im Rezitativ „Da tobten brausend heftige Stürme“ legt Nagy einen Zahn zu, während der jugendliche Sopran von Elisabeth Breuer als Erzengel Gabriel dem Lobgesang am Ende des zweiten Schöpfungstages einen Funken Frische gibt: „Mit Staunen sieht das Wunderwerk der Himmelsbürger frohe Schar“.

Gottfried Freiherr van Swieten, polyglotter Diplomat und Förderer des Wiener Musiklebens, verfasste aus dem biblischen Quellentext ein dreiteiliges Libretto. Die Teile eins und zwei enthalten die Geschichte der ersten sechs Schöpfungstage, wie sie Miltons Engel Gabriel, Uriel und Raphael erzählen. Van Swieten, der selbst auch komponierte, hatte Haydn vorgeschlagen, dass die bewegende Episode, in der Gott den neu erschaffenen Tieren aufträgt, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren, zu einer schmucklosen Basslinie gesungen werden sollte. Wie üblich, folgte Haydn dem Vorschlag jedoch nur teilweise, und fügte zu der Basslinie eine reiche Schicht vierstimmiger Harmonien für Celli und Violen. Bei der Erschaffung der Tiere schwelgt er förmlich in wollüstiger Lautmalerei.

Je weiter das musikalische Monument voranschreitet, desto gelöster spielen sich die Musiker die Bälle zu. Der Funke springt über, spontan klatschen einige am Ende des zweiten Teils. Griffiths ermutigt das Publikum, indem er den Beifall würdigt: „Zu Zeiten von Mozart und Haydn wurde über die Musik hinweg applaudiert, und sogar Bravo geschrien, wenn’s gefallen hat“. Um nicht missverstanden zu werden fügt er rasch augenzwinkernd an: „Bitte machen Sie das nicht“, sagt’s und wendet sich wieder den Musikern zu.

Aristokratischer Aufklärer

Ganz aristokratischer Aufklärer gesteht van Swieten später: „Nie war ich so fromm, als während der Zeit, als ich an der ‚Schöpfung‘ arbeitete“. Den dritten Teil widmet er dem Garten Eden. Herrlich überspitzt ist die Darstellung der paradiesischen Paarbeziehung: „O du, für den ich ward, mein Schirm, mein Schild, mein All und dir gehorchen bringt mir Freude, Glück und Ruhm“. Während Elisabeth Breuer die Worte Evas jubiliert, distanziert sich der Angesprochene mit subtiler Gestik vom überzeichneten Idyll. Michael Nagy alias Adam, und damit die Schöpfungsgeschichte, sind in der Gegenwart angekommen. Leises Lächeln schwebt durch die Harmonie. Ein unvergessliches Neujahrs-Erlebnis.