Kultur

Pop The Notwist gastieren im Heidelberger Karlstorbahnhof

Die Regel als Ausnahme

Archivartikel

Wenn bedeutende Bands ihren Tour-Bus beladen, um ohne ein aktuelles Album im Gepäck durchs Land zu touren, reist die Gefahr der Belanglosigkeit mit. Es droht eine unterhaltsame, aber harmlose Best-of-Show. The Notwist sind nach Heidelberg gekommen, um diese Erwartung zu brechen. Wie sie das eigentlich in ihrer kompletten Karriere immer so gemacht haben.

Die Indie-Pioniere aus dem bayerischen Weilheim spielen vor 600 Zuschauern im ausverkauften Karlstorbahnhof ein Konzert, das fordert, aber für die Anstrengungen am Ende auch mehr als belohnt. Die Band um die Brüder Markus und Micha Acher hat sich dazu entschieden, selbst ihre eingängigeren Nummern zu verfremden. Wer kann in einer Welt mit Trump, Putin und Erdogan auch einfach nur nette Popsongs spielen?

Zum Glück bekommt ihr 17 Jahre altes Meisterwerk „Neon Golden“ breiten Platz eingeräumt. Das Ausnahme-Album, das als Messlatte gilt, wenn es um die Verschmelzung von Indie-Rock mit elektronischen Einflüssen geht, wird früh mit „Pick Up The Phone“, „This Room“, „Pilot“ und „One With The Freaks“ gewürdigt. Aber immer, wenn es gemütlich werden könnte, grätscht Achers Gitarre dissonant dazwischen. Und zwischen allem knirscht und knarzt die Elektronik.

Glückliche Leichtigkeit

Auch wenn man die Band in den 30 Jahren ihrer Geschichte schon häufiger live gesehen hat, bleibt es erstaunlich, wie selbstverständlich sich The Notwist immer wieder neu erfunden haben. Und man versteht, wie es die Oberbayern zu ihrem Status gebracht haben, der es ihnen als einer von nur ganz wenigen deutschen Bands erlaubt, weltweit zu touren. Die Schwerkraft, die Acher im finalen „Gravity“ besingt, hat sich beim begeisterten Publikum zu diesem Zeitpunkt längst in eine glückliche Leichtigkeit verwandelt. alex