Kultur

Die Reichsten geben ab!

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

es ist das neunzigste Tagebuch, und ich habe noch immer die Qual der Wahl, was Themen angeht. In Kroatien gibt es jetzt den Slogan: „Wir tun die Dinge im neuen normal“, will heißen, dass wir ab jetzt immer dieses unsichtbare Virus mitdenken. Sei es beim Einkaufen, bei Konzerten, bei allem eben.

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Es ist erstaunlich, wie sich das Leben seit März verändert hat, was für ein Schock der Lockdown war und wie doch diese Sehnsucht nach Normalität bleibt, alles wie immer. Stück für Stück werden die Nachbeben sichtbar: Kündigungen hier, Kürzungen da. Im Gespräch mit dem ehemaligen Chef-Ökonomen Branko Milanovic fiel ein Satz, der mich seither nicht ganz loslässt: Vor Zeiten formierten sich doch „The Giving Pledge“. Philanthropen von Bill Gates bis Warren Buffet, die Reiche zum Spenden fürs Gemeinwohl animieren wollten. „Wo sind sind die jetzt?“, fragte Milanovic, zwischen Zynismus und Frustration.

Während ich das hier schreibe, annulliert das EU-Gericht in Luxemburg die Rekord-Steuernachzahlung für Apple in Irland. Nun wird der Europäische Gerichtshof entscheiden müssen, aber auch diese Botschaft macht zynisch.

Je mehr wir über das Klein-Klein unserer Zeit debattieren, desto ungestörter vollzieht sich die weitere Spaltung von Arm und Reich. Bitte lesen Sie den großartigen Blog von Branko Milanovic, natürlich bin ich nicht immer seiner Meinung, aber Gerechtigkeitsforschung ist eine junge Disziplin in der Ökonomie und verdient viel mehr Aufmerksamkeit.

Corona, der Lockdown und die nächsten Jahre brauchen Gerechtigkeitsforscher. Die Frage nach der Verantwortung der Reichsten (nicht der Reichen, wie sie in Deutschland jüngst bei 3500 netto definiert wurden) sollte zum zentralen Thema der Politik werden. Weil diese Reichsten auch großen Einfluss haben auf die Themen Klima, Nachhaltigkeit und Ressourcen.

Hoffnung macht mir die Aktion „Millionaires for Humanity!“. 83 Millionäre fordern in einem offenen Brief dauerhaft höhere Steuern für die reichsten Menschen des Planeten. Fünf Deutsche sind darunter. Schluss mit Charity und Wohltaten, das sagen die Reichsten selbst! Sie sagen es, kurz vor dem Treffen der Finanzminister der G 20 und dem EU-Gipfel. Sie wollen, dass gerechte Politik gemacht wird, um nach Corona den Wiederaufbau zu finanzieren. Wenn die Finanzminister nicht reagieren, sollte man fragen: Wem dienen sie?

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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