Kultur

Lesung Walter Sittler im Ludwigshafener Hack-Museum

Die surreale Welt des Alfred Kubin

Ludwigshafen.Als der österreichische Grafiker Alfred Kubin vor 58 Jahren starb, hinterließ er nicht nur unzählige Zeichnungen, sondern auch ein bildgewaltiges Buch, das zum Klassiker der phantastischen Literatur aufstieg: "Die andere Seite" schrieb und illustrierte der Künstler 1907 in nur zwölf Wochen während einer Schaffenskrise. Der Suhrkamp Verlag gab es 2009 neu heraus (der Rowohlt-Verlag 2010 als Taschenbuch ohne Zeichnungen). Im Rahmen der aktuellen Ausstellung "Erzählungen des Unbewussten" lud das Hack-Museum den einst am Nationaltheater engagierten Schauspieler Walter Sittler ein, der die vielen Besucher mit Auszügen aus Kubins Buch zunächst in gelöste Spannung, bald aber in kaltes Grausen versetzte.

Mit geschärftem Sinn

"Die andere Seite" rollt die Geschichte eines gigantischen Gesellschaftsverfalls auf, die mit ihren erschreckenden Erkenntnissen an Aktualität nicht verloren hat: Der Ich-Erzähler - Illustrator, wie der Autor selbst - folgt der Einladung seines Schulfreundes in ein innerasiatisches Land, das dieser beherrscht.

Die Bewohner sind ausschließlich Menschen mit geschärften Sinnen, die mit der modernen Kultur unzufrieden sind und jeden Fortschritt verachten. Zunächst begeistert den Illustrator das hier vorgefundene "Antiquariat", doch seltsame Vorgänge und Begegnungen bereiten ihm zunehmend Angst, treiben ihn letztendlich in den Wahnsinn. Ein Hass und Zwietracht-schürender eingedrungener Amerikaner bekämpft den Herrscher, wonach Land und Menschen zerfallen, verrotten, sich dämonenhaft auflösen. "Und der Amerikaner lebt heute noch und ihn kennt alle Welt", so steht bei Kubin fast wie ein Hohn der letzte Satz.

"Die andere Seite" ist die apokalyptische Vision eines depressiven Schriftstellers, der sich nach dem Tod sehnt, sich aber zugleich im unerträglichen Leben verankert fühlt. Die andere Seite ist das Unterbewusste eines zivilisationsmüden Menschen, der zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt. Die Ausstellung, die noch bis zum 13. August läuft, macht das ebenso deutlich, wie die lebendige, stimmungsbildende Lesung von Walter Sittler.