Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Die vergessenen Selbstständigen

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

Liebe Leserinnen und Leser,

heute wird das Konjunkturpaket vom Kabinett verabschiedet. Es soll die Folgen der Lockdown-Maßnahmen abfedern, die Wirtschaft wieder aus der Schockstarre holen. Trotz der Soforthilfe für Kleinunternehmer wird mit dem jetzigen Paket eine Gruppe leer ausgehen: die (Solo-)Selbständigen und Freiberufler.


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Eine Gruppe, die ohnehin viel riskiert, die Risikobereitschaft zeigt, was in Deutschland nicht gerne belohnt wird, obwohl viele Institutionen Start-Up-Workshops anbieten. Bis in die Universitäten hinein will man den Gründerspirit vermitteln. Wenn es jedoch hart auf hart kommt, tut man so, als sei die Selbständigkeit vor allem Selbstverwirklichung gewesen und niemand könne erwarten, dass jetzt die Gesellschaft dafür die Verantwortung übernimmt. Eine unsolidarische Botschaft, wie sie dieses Selbständigen-feindliche Konjunkturpaket jetzt aussendet,  zerstört mehr Risikobereitschaft als je Workshops und Kampagnen leisten könnten, um junge Menschen zu ermutigen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen und innovative Arbeitsmodelle zu entwickeln.

Die Selbständigen teilen ihr Schicksal mit Künstlerinnen und Künstlern: Ihre Interessensvertretungen sind (noch?) zu schwach. Wer auf individuelle Arbeitsweisen setzt und von seinem Projekt hinreichend gefordert wird, schafft es oft einfach nicht, sich zusätzlich noch politisch so zu organisieren, wie es nötig wäre, um die eigenen Interessen in einer Arbeitswelt voller Lobbyisten durchzusetzen. Dabei sind Freelancer oft nicht die vermeintlichen Traumtänzer, die sich ihre eigene Arbeitswelt jenseits von Konventionen schaffen. Im Gegenteil. Viele arbeiten in etablierten und konventionellen Branchen: Sprachlehrer- und lehrerinnen beispielsweise, deren Arbeitsbedingungen man teilweise fast als Scheinselbstständigkeit bezeichnen müsste. Auch Zeitungen greifen gerne auf Freelancer zurück und zahlen bescheidene Zahlenhonorare, da die Branche sich ja in der Krise befindet. Diese Selbständigen also, die schon Schwierigkeiten haben, wenn sie einmal länger krank sind, werden nun im Konjunkturpaket nicht ausreichend mitbedacht. Gerne schimpfen viele überheblich über jene, die sich von den Verschwörungsphantasien haben einlullen lassen in den letzten Wochen. Doch laut bisherigem Wissenstand führt existenzielle Verunsicherung dazu, dass Menschen sich von Verschwörungsphantasien angezogen fühlen. Bürger, die plötzlich auf Anordnung der Regierung, ihre Arbeit der letzten Jahre zerstört sehen, werden sicher nicht mit dem Kopf nicken, wenn die Regierung neue Maßnahmen verkündet und behauptet, es sei zum Wohle aller. Flatten the curve war ein solidarisches Projekt – jetzt müssen auch alle aufgefangen werden, die Einbußen hatten, weil sie die Verbreitung des Virus mit aufgehalten haben. 

Es muss jetzt verhindert werden, dass „Selbständige durch die Corona-Krise unverschuldet in Insolvenz gehen oder ihre Altersvorsorge verbrauchen.“ So steht es in der Online-Petition, die sich gegen das Konjunkturpaket in der jetzigen Form wendet. Wenn Solo-Selbständige nicht einbezogen werden in die Maßnahmen, hat die Bundesregierung die Arbeitswelt vieler, vor allem junger Menschen nicht verstanden. Es geht über Künstler- und Künstlerinnen und Kreative, aber auch um Lehrende und Journalisten und kreative Unternehmer, die Deutschland auch in Zukunft braucht. Solidarität ist im Jahr 2020 eben nicht mehr nur die Mitgliedschaft in der klassischen Gewerkschaft. Die modernen Arbeitsmodelle müssen ihre Form der Mitsprache noch ausarbeiten, bis dahin sollte man sie nicht allein lassen. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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