Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

noch Ende März hieß es, der Bachmannpreis werde 2020 wegen Corona abgesagt. Die Jury kritisierte die Entscheidung, keine Alternativen anzubieten. Nun ist er da: der digitale Bachmannpreis. Das befreit ihn von seiner üblichen Routine, bei der es vielen im Literaturbetrieb eher ums Baden im Wörthersee ging als um die Literatur. Die Digitalisierung zwingt zurück zu Inhalten: Es geht nicht mehr ums Netzwerken und Platzhirschtum beim Betriebsausflug, sondern um Texte.


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Grundsätzlich ist mir hier Rainald Goetz nah, der sich beim Bachmannpreis nicht mit einem Text, sondern mit einer Rasierklinge in die Geschichte des Wettbewerbs einschrieb. Er verletzte sich mit einer Rasierklinge und las mit blutüberströmtem Gesicht vor. Ein performativer Kommentar zu dem, was ein Künstler in einem so perfiden Schaulaufen mit sich machen lässt. Diese Haltung wirkt in der heutigen Zeit völlig überdreht. Aus vielen Künstlern sind Akteure geworden, die jedes Spiel des Betriebs und des Marktes beherrschen müssen – und wollen.

Der widerspenstige Geist, von dem Goetz besessen war, wirkt heute so anachronistisch wie die Verletzbarkeit, die er zu Schau stellte. Wer heute verletzbar ist, wird sogleich zum Aktivisten seiner Verletzung.

Es sind gute Texte dabei. Doch es ist, als hätte man Non-Konformismus, der in den Künsten auch sein Zuhause hatte, getilgt. Jeder kann digital. Jeder kann brav wie die Gymnasialschüler beim Vorlesewettbewerb dasitzen. Die "Schwarze Aktivistin" und Autorin Sharon Dodua Otoo hält eine bewegende Rede, die zeigt, dass sie selbst nicht im Elfenbeinturm lebt. Der ORF jedoch vereinnahmt diese Eröffnungsrede und schreibt auf seiner Homepage, Otoos Rede sei nach dem Tod von George Floyd „ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die deutschsprachige Literatur nicht in einem Elfenbeinturm befindet“.

Das schreibt der ORF, ohne zu beleuchten, wo er sich befindet. Seit 2014 haben nur Männer die Bachmannpreisrede gehalten, nur einer dieser Männer hatte Migrationserfahrung, Feridun Zaimoglu. In der Jury 2020 sitzt kein Mensch mit Migrationsgeschichte. Aber man wird ja wohl noch behaupten dürfen. „Wer sagt es ihnen?“, fragt man in den sozialen Medien. Bachmann sagte dazu: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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