Kultur

Sommertheater Neuenstadt Frederick Loewes Erfolgs-Musical „My fair Lady“ bei den Freilichtspielen

Differenzierte Charakterisierung der Rollen

Archivartikel

Fast 58 Jahre sind seit der deutschen Erstaufführung in Berlin vergangen. Umso erstaunlicher ist es, dass „My fair Lady“, Frederick Loewes Musical, mit dem Text von Alan Jay Lerner, nach George Bernard Shaws „Pygmalion“, erst jetzt zum ersten Mal bei den Freilichtspielen Neuenstadt auf dem Programm steht, in einem Sommertheater, das sich dadurch auszeichnet, dass in seiner 61-jährigen Geschichte noch kein Stück ein zweites Mal gezeigt wurde.

In pausenlosen eindreiviertel Stunden geht in Neuenstadt „My fair Lady“ über die Bühne im Schlossgraben, vor der die Besucher wie in einem Amphitheater Platz finden. Und dennoch sieht man in dieser relativ kurzen Zeit im Grund das ganze Musical.

Das ist einer geschickten Bearbeitung von Cosima Greve und Christian Marten-Molnár zu verdanken, die auch Regie führen. Man hört sämtliche bekannten Melodien und man wird auch Zeuge der ganzen Geschichte. Sogar der Ball in der Botschaft, der vor allem bei Aufführungen von kleineren Theatern dem Rotstift zum Opfer fällt, wird zumindest angedeutet.

Im Schlossgraben hat Brigitte Klein-Wallner ein Simultan-Bühnenbild aufgebaut, bei dem die verschiedenen Orte der Handlung zu sehen sind und das schnelle Szenenwechsel und ein temporeiches Spiel ermöglicht. Da sieht man im Mittelpunkt hinten die Bibliothek von Henry Higgins mit Büchern an der Wand und einem Grammophon, abgestuft davor Mobiliar, das Ganze auf einem grauen Rundpodest, unter dem sich ein Keller mit zwei Fenstern befindet, was Laurin Härterich als pfiffigem Harry die Möglichkeit bietet, aus ihm auch einmal mit einer Ratte aufzutauchen, die davor ihre Kreise zieht.

Links markieren ein Tisch und zwei Gartenstühle das Zuhause von Mrs. Higgins, rechts steht ein zweistockiger, roter Backsteinbau für die Arbeitswelt und die dazu gehörende Kneipe, in der Alfred P. Doolittle verkehrt. Auf dem Proszenium finden die Gesellschafts- und Volksszenen statt.

Zügiges Spiel

Die Musik, unter der Leitung von Andreas Benz, die zuweilen ein wenig von Bläsern dominiert, zulasten von Streichern, etwas dumpf klingt, kommt vom Band. Was die Kostüme betrifft, hält sich Katharina Flubacher bei Professor Higgins ans bekannte Vorbild, kleidet Oberst Pickering in Schwarz, entwirft für Eliza zwei prachtvolle Roben, eine in Weiß, die andere in Silberlamé, für die Oberschicht elegante Kleider und fürs Volk zu ihm Passendes.

Die zwei Regisseure Corina Greven und Christian Marten-Molnár legen nicht nur auf ein unterhaltsames, zügiges Spiel Wert, sondern auch auf eine differenzierte Charakterisierung der einzelnen Rollen, wobei manches nicht dem Klischee entspricht, deshalb aber nicht besser ist.

Jessica Colquhaun ist als Eliza Doolittle ein forsches, nicht auf den Mund gefallenes Blumenmädchen, das sich im Lauf des Geschehens überzeugend zur nicht nur attraktiven, sondern auch selbstbewussten, stimmlich und spielerisch gleichermaßen glaubhaften Lady wandelt, die zum Schluss als Phonetiklehrerin agiert. Lars Tönnies zeichnet den Professor Higgins als einen herrschsüchtigen, unbeherrschten, im Grund unzufriedenen Junggesellen, der es mit sich und den anderen im Umgang nicht leicht hat und deshalb nach Elizes Weggang in Depression verfällt.

Kein Kolonialoffizier und Gentleman alter Schule, sondern ein Mann ohne Eigenschaften und so fehlbesetzt und -geführt ist Benjamin Ehnle als Oberst Pickering.

Dagegen bringt Wolfgang Apfelbach, im Spiel und Gesang, alles mit, was Alfred P. Doolittle in der Art eines deftigen Volksschauspielers mit weichem Kern ausweist. Mit tenoralem Können wartet Robin Hofheinz als Freddy Eynsford-Hill auf. Corina Deininger ist eine ziemlich giftige Mrs. Pearce, Antje Leverenz-Bätz eine alles verstehende, aber das Verhalten ihres Sohnes nicht billigende Mrs. Higgins. Dieter Schnabel