Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Digitaler Maximalismus

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich denke in diesen Tagen oft an einen älteren Mann, den ich letztes Jahr bei einem Ausflug nach Barcelona gesehen habe. Er saß inmitten von zentralen Plätzen auf einem Stuhl, am Kopf hatte er eine Installation angebracht: Zwei Drähte führten aus seinem Kopf hoch zu einem Pappschild, das ein Handy darstellen sollte. Darauf stand: „Wir sind nicht die Anhängsel von Smartphones.“

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Er saß an immer anderen Plätzen und kam mit Passanten ins Gespräch. Mit Handy sah man ihn naturgemäß nicht. Er sah sich als Verteidiger einer Zeit, in dem es dem Menschen erlaubt war, Mensch und nicht Nutzer digitaler Geräte zu sein. Die Corona-Krise gilt hierzulande als Beschleunigerin der Digitalisierung, sicher, für vieles war es höchste Zeit und einiges geht einfacher als gedacht. Doch wer digitalisiert, der hat auch Kompetenzen zu erwerben: Datenschutz und Selbstkontrolle.

Ich habe auf Twitter eine kleine Umfrage gestartet, wie viele Stunden meine Follower in den letzten Wochen täglich im Netz verbringen- berufliche und private Nutzung am Bildschirm eingerechnet. Viele kamen auf neun Stunden täglich. Die ersten größeren Studien zum Medienkonsum in 2020 sind erschreckend: Die Smartphone-Nutzung ist in den am stärksten betroffenen Ländern am deutlichsten gestiegen: in China um 30 Prozent auf fünf Stunden täglich. In Deutschland um zwei, drei Stunden, was sicher den lockereren Maßnahmen und möglichen Spaziergängen zu verdanken ist. Hinzu kommen Bildschirmzeiten für das Büro, Videokonferenzen, die Familienchats und für Jüngere Videospiele. In China stieg die Gaming-Zeit um 80 Prozent. Auf TikTok verbrachten Nutzer allein in China seit dem 1. März drei Milliarden Stunden.

Einmal fragte ich im Netz: „Was würdet ihr heute eigentlich tun, wenn es kein Internet gäbe?“ Und die Leute nannten vor allem: Freunde treffen, manche würden aufmerksamer fernsehen. Das digitale Leben hat uns durch diese Zeit gerettet, die Einsamkeit wäre unerträglich gewesen ohne all das. Doch wir leben das digitale Leben auf Plattformen von Firmen, die unsere Daten sammeln, wir bereichern Unternehmen, die uns steuern lernen. Damit wir nicht Anhängsel unserer Kommunikationsgeräte werden empfehle ich das wichtige Buch von Cal Newport: „Digitaler Minimalismus“. Lesen Sie es. Und bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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