Kultur

Schauspiel Tilman Gersch präsentiert mit seinem Bürgerprojekt eine gute Inszenierung im Pfalzbau Ludwigshafen

Drei Kafka-Stoffe verschmelzen

Mannheim.Eine Stadt verödet partiell, Geschäfte schließen, Armut und Vereinzelung nehmen zu. Wie sich dagegen wehren? Theater kann nicht alles, aber manches. Zum Beispiel, über Bürgerprojekte Menschen verschiedener Herkunft einander näherzubringen, Verständnis wecken und die Stadt in gemeinsamer kultureller Anstrengung lebens- und liebenswert empfinden lassen. Im Idealfall. Aber Tilman Gersch, Intendant des Pfalzbaus Ludwigshafen, setzt ein Signal, und das ist gut so, denn die Premiere seines Kafka-Bürgerprojekts „Schloss Prozess Verwandlung“ zeigte bei aller Melancholie und Traurigkeit, die über den albtraumhaften Szenen liegt, vor allem eines: Beeindruckende Spielfreude der (Laien)Akteure. Sie hauchen den Figuren Lebendigkeit und Profil ein.

Dramaturgin Barbara Wendland hat aus den Romanen „Das Schloss“ und „Der Prozess“ sowie der Erzählung „Die Verwandlung“ eine bühnentaugliche Textfassung erstellt, die nach kurzer Exposition, um die Elemente vorzustellen, die Texte immer mehr verschränkt, sie dialogisch ineinanderfließen lässt, und dadurch einen gewollten Effekt erzielt: Die surrealen Situationen, in denen die Protagonisten bis zum Verlust ihrer Identität eingesperrt sind, zeigen ein fast deckungsgleiches Grundmuster und lösen sich gerade aus ihrer Absurdität heraus im Grotesken auf, woraus oft genug Witz und Situationskomik entsteht. Kein Kafka mit deutungsschwangerer Philosophie, sondern ein gut spielbares, dem Publikum zugewandtes Stück.

Raum für Individualität gelassen

Tilman Gersch, der die Bühne mit aufeinandergeschichteten, von Neonröhren eingefassten Quadern entworfen hat, so dass die Darsteller auf bis zu vier Ebenen agieren, hat die 21 Mitmacher zu einem tüchtigen Ensemble angeleitet, dem er Raum lässt für Individualität und ihm spürbare Freude an Theaterspiel vermittelt. Die drei Hauptfiguren hat er gedoppelt: den Landvermesser, der nicht ins Schloss darf und dort verödet (Yusuf Beder/Helmut Schäfer). Den Bankbeamten, der auf einen Prozess wartet und nicht erfährt, warum (Obada Alsyah/Natice Orhan-Daibel). Und auch Gregor Samsa, der zum Käfer mutiert und zum Tode hinvegetiert (Anton Geburek/Mohammad Nick Nayeri), taucht verdoppelt auf. Ein zwar nicht neuer, aber dennoch wirkungsvoller Effekt, zumal er sich eingebettet findet in eine agile Figurenstaffage aus Bürgern, Wächtern, Verwandten und so fort: Larissa Dubjago, Lisa Grau, Bärbel Höhn, Franziska-Sophie Horn, Karin Klimaschewski, Marica Kovacic, Conny Large-Neu, Gernot Lüttinger, Yousef Mantk, Hans-Joachim Schlosser, Sonja Schmidt, David Schulz, Laura Schwind, Heike Schwind und Bernhard Wadle-Rohe befeuern sich gegenseitig, wenn es darum geht, Textfetzen aus vitaler Bewegung heraus zu skandieren.

Der Eindruck des Unwirklichen wird dadurch verstärkt, dass Gersch seinen Exegeten manche Einwürfe in ihrer Heimatsprache gestattet oder abfordert: Da wird auf Arabisch oder Farsi, Türkisch oder Kurdisch, Ukrainisch oder Zaza darüber gesprochen, in welch surrealen Verstrickungen sich alle befinden.

Babylonische Sprachverwirrung

Eine babylonische Sprachverwirrung, die das Fragmentarische vieler Kafka-Texte symbolisieren mag und die kafkaesken Situationen einschließlich ihrer labyrinthischen Albträume verstärkt. Unterstützt wird die atmosphärische Wirkung durch die Kostüme von Miriam Grimm, die ihre Figuren in kunterbunter Mischung einkleidet und dennoch die Konstellationen wie aus einem ästhetischen Guss gefertigt erscheinen lässt. Akkordeonist Frank Rosenberger macht eine passgenaue Bühnenmusik, die sich nicht aufdrängt, aber wirkungsvoll den Sog grundiert, der die Figuren in ihrer Zerbrechlichkeit verschlingt.

Guter Besuch und herzlicher Premierenbeifall für einen gelungenen, ambitionierten und darstellerisch bemerkenswerten Abend.