Kultur

Schwetzinger Festspiele Das Vokalensemble Graindelavoix

Dunkle Gesänge in kühler Gruft

Vier nackte Glühbirnen baumeln über dem Podium, auf dem das neunköpfige Vokalensemble Graindelavoix Aufstellung genommen hat. In der Krypta des Speyerer Doms brennt weiter kein Licht. Das zieht die Aufmerksamkeit der Besucher aufs Geschehen in der Mitte der kühlen Gruft, von wo dunkle Gesänge ins Gewölbe aufsteigen.

Wir hören Motetten und Messeteile eines französischen Avantgardisten des 14. Jahrhunderts, Guillaume de Machaut. Rückblickend betrachtet, wirken seine der Ars Nova zugeordneten Kompositionen eher archaisch, wie es der Name von Graindelavoix („Rauheit der Stimme“) denn auch verheißt. Das liegt nicht nur an diesem besonderen Ort, an dem sich die Geschichte eines Jahrtausends kristallisiert. Sondern in erster Linie an der Art des Gesangs, mit dem sich das Ensemble um den belgischen Musikwissenschaftler Björn Schmelzer inzwischen profiliert hat.

Absage an die reine Lehre

Wenn die neun Sänger mit Machauts „Messe de Nostre Dame“ den angeblich ersten Versuch eines Musikers, das Ordinarium der katholischen Messe als ein zusammenhängendes Werk zu komponieren, präsentieren, dann mag das nicht die reine Lehre sein. Denn das männliche Vokalensemble setzt sich zusammen aus Angehörigen, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen – und die ihren Gesang nach ihrer jeweiligen Herkunft beibehalten, wie man ihn etwa aus der Tradition des Mittelmeerraums kennt.

Es ist ein Gesang, der nicht nach formaler Perfektion strebt, sondern den individuellen Ausdruck von innerer Betroffenheit sucht. Das alles fließt, wie einst im mediterranen Kulturgewirr, aus unterschiedlichen Richtungen zusammen – und gibt doch so etwas wie eine Einheit über Stilgrenzen hinweg. Und wer weiß: Vielleicht sind Graindelavoix näher am Ursprung dieser Musik als es der erste Eindruck der Befremdung beim Hören nahelegen mag.