Kultur

Meisterkonzert Pianist Fazil Say gastierte in Würzburg

Eigenwillig und extrem

Im zweiten Meisterkonzert der Würzburger Musikalischen Akademie begegnete man in der Musik-hochschule dem türkischen Pianisten Fazil Say. An den Beginn seines Konzertes setzte er drei Nocturnes von Frédéric Chopin, allesamt anheimelnde Stücke ohne überfrachtetes Gefühl.

Seine sensible Anschlagskultur mit gelegentlich heftigerem Auftrumpfen wirkte nicht zerbrechlich, wenn-gleich eine zärtlichere Gestaltung diesen Piecen besser gestanden hätte. Die erzählerische Kraft jener Nocturnes jedoch enthob Say nicht ihrer Eigenständigkeit. Er bewahrte die Natürlichkeit des Ausdrucks, frei von gefühligem Schmachten.

Latente Melancholie

Die Nocturnes hört man im Konzertsaal äußerst selten, könnten mit ihrer mal liebkosenden, mal nostalgietrunkenen und dann wieder zartbitteren Ton -und Stimmungslage auf Dauer etwas einförmig daherkommen. Jedes Nocturne als pure Poesie wirkte unter Says Händen nicht hyperdezent, bisweilen traumverloren, getränkt mit latenter Melancholie ohne romantisierende Stimmungsduselei. Stürmisch mit vehementen Ausbrüchen toste die Sonate Nr.25 f-Moll op.57 „Appassionata“ op.57 von Ludwig van Beethoven durch den Saal.

Der erste Satz erfuhr eine bestechend brillante und klar akzentuierte Virtuosität, bedacht auf Strenge und Geradlinigkeit. Allerdings wurde dann der letzte Satz in allzu eigennütziger Sturm-Manier erledigt. Ungezügelte, nicht durchwegs fehlerfreie Passagen und virtuose Läufe rasten im Eilzugtempo über die Tasten. Ungestüm auf das Podium stampfend und vor sich hinbrummend unterstrich der Pianist die heftigen Betonungen im ersten Satz der Sonate, dazwischen Leidenschaften, die nicht immer aus dem Inneren erwachsen sind.

Eine fabelhafte Technik kann man diesem Künstler nicht absprechen. Nur wurden Beethovens Tempovorschriften von Say bisweilen recht eigenwillig und extrem auf seine eigenen Tempovorstellungen ausgeweitet und bis aufs Höchste ausgereizt. Es blieben im Gedächtnis somit eher flüchtige Eindrücke als eine nachhaltig überzeugende Interpretationsgröße.

Nach der Pause war man überrascht über Erik Saties „Six Gnossiennes“ und über Fazil Says Eigenkomposition „Yürüyen Kösk-Hommage à Atatürk“ aus Art of Piano Nr.4. Beide Zyklen strapazieren nicht das Ohr, sie enthalten Reminiszensen an Chopin und Debussy, also keine klavieristischen Horror-Szenarien, zumal Say, seiner Neigung entsprechend, auch mal heftigere Töne in lärmenden Akkordfolgen aus dem Flügel heraushämmerte. Dazwischen schlug der Pianist immer wieder auch versöhnlichere und wärmere Töne an, hielt intime Zwiesprachen mit dem Instrument wie selbstverliebt auf ausdrucksvolle Figuren lauschend.

Klaus Linsenmeyer