Kultur

Rückblick auf Tag 1 bei "Rock am Ring"

Ein Auftakt zwischen Leid und Wille

Archivartikel

Der Wettergott prüft die Anhänger von Schwermetall und Radio-Rock an Tag eins bei „Rock am Ring“ schon auf Leib und Seele: Heftige Unwetter mit Wind und Starkregen erinnern die eingefleischten Fans in der Eifel nicht nur an die beiden Katastrophenjahre in Mendig mit Schwerverletzten und Festivalabbruch, sondern spülen massenhaft auch Pavillons und Zelte fort, um ein Meer der Verwüstung zu hinterlassen, wo Stunden zuvor noch gecampt wurde.

Musterbeispiel der Standhaftigkeit

Doch mit einmütiger Standhaftigkeit richten Tausende ihre Schlafstätten wieder her, decken sich im Lidl Rockshop mit dem Notwendigsten ein, um über den Tag zu kommen – und marschieren um Punkt 13 Uhr zur Öffnung schnurstracks auf das Festivalgelände. Da mag es noch in Strömen regnen: Als die US-Rocker von „Greta van Fleet“ die 33. Auflage des Traditionsfestivals mit ihrer wilden Mischung aus Psychedelic Rock und Hardcore auf der „Volcano Stage“ getauften Hauptbühne eröffnen, teilen die „Pommesgabeln“ den Himmel ein erstes Mal entzwei. In den kommenden Stunden sollte es zu solchen Gesten noch manchen Anlass geben. Einer von ihnen sind die Iren von „Walking On Cars“, die – bestens gelaunt – nicht nur mit ihrem Hit „Speeding Cars“, sondern auch auserlesenem Humor („Wir haben euch unser irisches Wetter mitgebracht!“) aufwarten, um der Menge ein erstes Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Zuspruch, wem er gebührt

Die Fans beweisen: Sie wollen – doch den Zuspruch des Jubels erhält in diesen Stunden nur, wer ihn sich verdient. Zahme Auftritte wie die der Briten von „alt-J“ werden da genauso abgestraft, wie sich die vielseitige, inspirierte und auch ungewöhnlich progressive Show von „Milky Chance“ feiern lassen darf.

Jedem das Seine bedeutet, dass „Rock am Ring“ auch zum Auftakt schon Ausflüge in die skurrilen Welten zwischen Rock und Metal unternimmt. Während die japanischen Kawaii-Musiker von Babymetal wirklich jedes japanische Klischee erfüllen und der amerikanische Rap-Rock von „Hollywood Undead“ Sido mit Goldmasken jede Konkurrenz macht, setzen „Enter Shikari“ mit ihrem Trancecore noch einen drauf. Als Frontmann Roughton Reynolds mit roter Sonnenbrille jedenfalls wie ein wild gewordener Derwisch von Subwoofer zu Subwoofer springt, um seine Anhänger mit wild gewordenem Lachen in seinen Bann zu reißen, hat das ebenso viel von „Batmans“ Joker wie von musikalischem Grenzgang. Den betreibt auch das Festival weiterhin ebenso zielbewusst wie erfolgreich.

Als der Deutschrapper „Casper“ nach einem epischen Intro auf der „Volcano Stage“ einmarschiert, hat das nicht nur etwas von einem Triumphzug, sondern auch von einem Hauch Revolution am heiligen Ring. Wären da nicht noch „Stone Sour“ um den „Slipknot“-Frontmann Corey Taylor, die der visuell zwar opulenten, sonst aber recht kraftlosen Show von „Thirty Seconds To Mars“ auf der „Crater Stage“ ein ebenso sattes wie brachiales Metal-Brett entgegensetzt: Man hätte allen Grund zur Enttäuschung. So geht es mit einer – im wahrsten Sinne des Wortes – gruseligen Show von Marilyn Manson in die Nacht, die einen Premierentag zwischen Leid und Wille unterzeichnet. Fortsetzung folgt.

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