Kultur

Konzert Elton John gibt vor ausverkauftem Haus in der Stuttgarter Schleyerhalle ein denkwürdiges Abschiedskonzert / 25 Songs in knapp drei Stunden

Ein emotionales, langes „Goodbye“

„I’m still standing“: Der Titel eines seiner größten Hits ist programmatisch für die musikalische Karriere des Reginald Kenneth Dwight, der Welt besser bekannt als Sir Elton Hercules John. Nach etlichen Drogeneskapaden in den 70ern und 80ern, die ihn jegliche Bodenhaftung verlieren ließen und zu einem seelischen und körperlichen Wrack machten, steht, nein besser sitzt er nach 50 Jahren immer noch auf der Bühne und gibt mitreißende Konzerte.

So auch beim Abschiedskonzert in der Stuttgarter Schleyerhalle am Samstag im Rahmen seiner „Farewell Yellow Brick Road“-Tour.

Das Klavier als Jungbrunnen

In rund dreieinhalb Stunden spielt Elton John 25 Songs, viele Hits und so manche seiner Lieblingssongs, in bester Soundqualität, unterstützt von einer großartigen Band und einer exzellenten Light-Show. Für den 72-Jährigen und die 9000 Fans wird es ein hochemotionales Goodbye, bei dem auf und vor der Bühne so einige Tränen kullern, aber sich alle einig sind: „Saturday night’s allright“.

Als Elton John sich zu den Klängen von „Pinball Wizzard“ die Treppe zur Bühne regelrecht hoch schleppt, hat man so seine Bedenken, ob das was wird angesichts der körperlichen Beschwerlichkeit und damit verbunden sichtlichen Anstrengung. Die Aufgedrehtheit und Agilität des Flipper-Königs scheint schon längst dahin.

Doch kaum sitzt der Engländer am Klavier, scheint er in einen Jungbrunnen gefallen zu sein. Vor allem seine Finger sind von allen körperlichen Kalamitäten verschont geblieben und fliegen nur so über die Tasten. Auch stimmlich ist er an diesem nasskalten Abend in Stuttgart absolut gut drauf. Da gibt es nichts zu meckern.

Mehr als herzergreifende Balladen

Schon beim Einstieg „Bennie and the Jets“, natürlich vom erfolgreichsten Album „Goodbye Yellow Brick Road“, wird klar, dass der Abend viel mehr als herzergreifende Balladen bieten wird. Mit einem satten, relaxten Groove steigen Elton John und die Band in das Set ein. Und Elton John gibt gleich eine Kostprobe seines Könnens auf den weißen und schwarzen Tasten. Und das Stuttgarter Publikum erhebt sich zur ersten stehenden Ovation, der an diesem Abend noch unzählige folgen sollten – und das zurecht.

Elton John hat auch die Größe, sich zurückzunehmen und die Bühne seinen Mitmusikern für ausführliche Soloausflüge zu überlassen. Vor allem in der ersten Hälfte des Konzerts werden die Studiofassungen oftmals lediglich als Korsett für ausufernde, aber stets kurzweilige Live-Interpretationen genutzt. „Rocket Man“ wird zum epischen Flug durchs All, ehe die Band bei „Pilot“ das Gaspedal durchtritt. Ob bluesig, rockig, soulig, poppig oder auch mal funkig – die Band spielt wie aus einem Guss und hat Drive. Immerhin sorgen ein Drummer und zwei Perkussionisten dafür, dass die Maschine läuft wie geschmiert. So gibt es ein gut ausbalanciertes Set an Balladen und tanzbaren Rockern.

Bevor Elton John zum Schlussspurt ansetzt, gibt er noch ein kurzes, sehr persönliches Statement zu seinem Leben und seiner Karriere ab. Er habe in den 1980er Jahren jegliches Verhältnis zum Geld verloren, im Überschwang gelebt und so viele Drogen konsumiert, dass er nichts mitbekommen hätte. Erst in den 1990er Jahren sei ihm klar geworden, dass er Hilfe braucht und habe sie auch bekommen. Das Schlimme daran sei gewesen, dass er nichts von der Aids-Problematik und deren gesellschaftlicher Dimension mitbekommen und deshalb auch nichts getan habe. Die Gründung seiner Aids-Stiftung sei deshalb für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen, als er wieder auf dem Damm war. „Und heutzutage muss niemand mehr an dieser Krankheit sterben und das haben wir geschafft, weil wir zusammengehalten haben und zusammengerückt sind “, sagt er zufrieden, um danach eine unmissverständliche Botschaft an seine britischen Landsleute zu richten: „Nobody need’s the fucking Brexit.“ Vielmehr müsse Europa zusammenstehen.

Stramm nach vorne

Die zweite Hälfte zündet Elton John dann das Hit-Feuerwerk und bleibt im Gegensatz zur ersten Hälfte nah an den Original-Versionen. Ab „I’m still standing“ mutiert die Band zur rumpelnden, übermütigen Garagen-Gang. Da wird nicht mehr auf Taktgenauigkeit geachtet, da geht es einfach stramm nach vorne. Die Menge findet’s grandios, stürmt zur Bühne und tanzt. Sitzen tut zu diesem Zeitpunkt schon lange keiner mehr. Und bei einem völlig losgelösten „Crocodile Rock“ gibt es natürlich einen tausendstimmigen „Lalalalalala“-Chor.

Bei der Zugabe fährt Elton John das Tempo herunter. „Your Song“ ist wie immer einer der ergreifendsten Momente des Konzerts, neben „Candle in the Wind“, das er schon früh gebracht hat und das natürlich Marylin Monroe gewidmet ist. Danach verabschiedet er sich endgültig mit „Goodbye Yellow Brick Road“ und entschwindet, nachdem er sich in einer Art Kanzel auf die Bühnenempore hat hochfahren lassen, via Leinwand auf der gelben Backsteinstraße in ein neues Leben.

Elton John hat sich einmal mehr als facettenreicher Pianist und Sänger präsentiert. Der einstige Paradiesvogel ist seriös geworden. Die schrillen Outfits hat er aber nichtkomplett abgelegt. Die Brillen sind immer noch extravagant, und auch der rosa Bademantel sowie das mit Strasssteinen besetzte Jackett sind Ausdruck einer etwas anderen Lebensweise und Einstellung.

Angepasst ist ja nicht immer mit gut gleichzusetzen. Aber gut ist der Musiker Elton John immer noch und die Person wirkt integer und authentisch. So ist es eher bedauerlich, dass dies das letzte „Goodbye“ und kein „See you again“ ist.

Aber man soll ja bekanntlich aufhören, solange es die Leute schade finden, dass man geht. Und hier ist es nahezu ein Jammer.