Kultur

Ein Ende in Euphorie und Erlösung

Archivartikel

Der Finaltag bei Rock am Ring hat viel mit Erlösung zu tun. Denn nachdem 86.000 Fans zwei Tage zwischen Regen und eisigem Wind tapfer vor den Bühnen und auf den Campingplätzen ausgeharrt haben, erweckt strahlender Sonnenschein die Festivalgemeinde in der Eifel ein letztes Mal – und spendet exakt dort Frohsinn, wo langsam aber sicher die physischen Kräfte schwinden.

Zwischen kaltem Regen und heißen Flammen

Begrüßt werden erfreuliche Massen dabei von einem melodischen Bad der Extreme, das sich in aller gebotener Vielfalt präsentiert – und dabei vor allem in seiner Qualität überzeugt. Während die japanischen Nu Metal-Recken von Coldrain auf der Alternastage mit einem frostigen Gitarrenschauer von sich hören lassen, schenken die Heavy Metal-Pioniere von Amon Amarth ihren Getreuen die ersten Flammen-Fontänen des jungen Nachmittags. Zwischen episch und erhebend ist da wohl der rechte Begriff für eine Euphorie, die auch in den letzten zwölf Stunden am Ring keine Geschmäcker kennt.

Da mögen die Neuseeländer von Like A Storm dem Alternative Metal noch so eindrücklich ihren finsteren Anstrich verleihen: Wenn KC Rebell nur ein paar hundert Meter Luftlinie weiter mit seinem „echten Hurensohn-Sound“ aufwartet, folgen seinem Flow bei aller Effektmasse nicht weniger jubilierende Hände, als dem Stoner Rock von Kadavar.

Die Ausreizung der Kontraste – bis ans Limit

Was insgesamt viel über ein Programm verrät, das die Kontraste zum Finale bis ans Limit auszureizen versteht. Nur als Beispiel: Während die britischen Classic Rocker von The Struts auf der Alternastage ihre Nähe zum expressiven Pop zelebrieren, reflektiert Rapper Kontra K mit sattem Bass über seinen letzten Liebesakt. Und The BossHoss? Die verpassen ihrem Cowboy Rock mit funkigem Bläsersatz und straffen Arrangements eine außergewöhnlich pointierte Härte, die selbst jene zu schätzen wissen, die eigentlich nur auf Slipknot warten.

Manche würden das als Toleranz preisen: Am Ring ist es das ungeschriebene Gesetz des Kompromisses, den all jene allzu gerne eingehen, die gekommen sind, um Spaß zu haben. Und diesen Willen bisweilen auch mit humorvollem Schabernack zu verzieren. Ob willenlose Tänze der Müdigkeit einen Streich spielen, oder eine gigantische Luftballon-Biene kurzerhand im ersten Wellenbrecher ihr luftiges Dasein fristet: Zum philosophischen Konzept der Spaß-Rocker von Tenacious D passt das nicht nur mustergültig – es rundet einen Tag ab, der ohnedies wegweisend zu Ende geht. Da mag die Sonne die legendäre Rennstrecke schon längst wieder verlassen haben: Als Frontmann Corey Taylor und die Seinen zu prallen 90 Minuten Headliner-Set auf die Planken treten, dominieren nicht nur die gewohnten Fratzen die Szenerie. Zwischen Baseballschläger-traktierten Industrie-Trommeln und gigantomanischen Bühnen-Aufbauten, die bis weit hinter das Riesenrad des Vergnügungsparks zu sehen sind, hallt ein Alternative Metal von stilistischer Raffinesse und visionärer Kraft durch die Boxen. Die Soli von Leadgitarrist Mick Thomson erweisen sich in ihrer Genialität fast schon als unverschämt, Shawn Crahans Trommelhiebe mit immer neuen Zerstörungsgegenständen besiegeln einen Abriss, der nach drei Tagen nicht nur würdig ist, sondern in seinem Jubel auch zeigt: Das kann der Ring. Und vielleicht noch vieles mehr.