Kultur

Das Porträt Der kanadische Regisseur Patrick Demers präsentiert auf dem Internationalen Filmfestival das Psychodrama "Origami"

"Ein Film muss weitergehen"

Archivartikel

Nach dem Abschluss an der Filmschule ist Patrick Demers zunächst einmal um die Welt gereist, hat in sechs Monaten 15 Länder gesehen und Dokumentarfilme für das Fernsehen gedreht. Aber die Reise, die die Hauptfigur David in seinem Spielfilm "Origami" unternehmen will, die konnte auch Demers nicht antreten: eine Reise durch die Zeit, zurück in die Vergangenheit, um Geschehenes ungeschehen zu machen.

Mit seinem zweiten Spielfilm ist der Kanadier im Wettbewerb um den Hauptpreis beim Internationalen Filmfestival. Ein "Newcomer" mit Ende 40 also? Der 1969 geborene Regisseur findet das nicht seltsam. Was die Bekanntheit angehe, sei er eben ein Neuling. Dabei war er vor 18 Jahren schon einmal in Mannheim und Heidelberg zu Gast - damals mit seinem ersten Kurzfilm.

Im diesjährigen Wettbewerbsbeitrag "Origami" geht es um den Restaurator David, vor dessen Ateliertür ein Japaner auftaucht und ihm erklärt, David könne mit seiner Hilfe durch die Zeit reisen. Was nach einem Science-Fiction-Film klingt, ist in Wirklichkeit ein Psychodrama. Denn es wird klar, dass David in der Zeitreise in erster Linie eine Möglichkeit sieht, vor der brutalen Wirklichkeit zu fliehen.

Umgeben von kulturellen Mauern

Demers' Heimat, die kanadische Provinz Québec, hat etwas mehr als acht Millionen Einwohner - und dafür eine überraschend produktive Filmszene. Wohl auch weil die Provinzregierung viel Geld in sie steckt. "Der Film ist für uns eine Möglichkeit, in einem englischsprachigen Umfeld zu überleben", erklärt der Regisseur.

Denn die Muttersprache der großen Mehrheit der Bewohner Québecs ist Französisch. Eine kleine frankophone Insel in einer anglophonen Umgebung also - die englischsprachigen Kanadier orientieren sich auch kulturell eher an den benachbarten USA. "Wir leben sehr nah beieinander, aber wir haben wenig Kontakt."

Kann Europa von Kanada also nicht lernen, wie sich mehrere Kulturen und Sprachen in einen gemeinsamen Staat integrieren lassen? Demers zumindest bezeichnet sich als "indépendantiste", also als Anhänger der Bewegung, die die Unabhängigkeit der französischen Provinz befürwortet. Ein eigenes Land sei man eben schon jetzt, findet er. Dabei sieht sich Demers als "Nordamerikaner", auch sein eigener, eher amerikanischer Filmstil passt nicht unbedingt zu der Mehrheit der Regisseure aus Québec, von denen viele sehr realistische, fast dokumentarische Spielfilme drehen.

Demers dagegen legt Wert auf den visuellen Eindruck, auf starke Bilder. Auch, weil das seinen eigenen Vorlieben als Zuschauer entspricht. "Ich war in erster Linie Kinoliebhaber, bevor ich angefangen habe, selber Filme zu drehen", sagt er. Trotzdem wollte er nie anderen Regisseuren nacheifern, sondern ganz eigene Werke schaffen, die den Zuschauer überraschen. "Man darf beim Drehen nie an andere Filme denken, man muss sich immer etwas Neues vorstellen."

Mitleiden mit Figuren

Am Drehbuch von "Origami" faszinierte ihn deshalb auch die zeitliche Abfolge: Den Grund, aus dem der traumatisierte David unbedingt in die Vergangenheit reisen und ein Geschehnis rückgängig machen will, erfährt das Publikum nicht etwa als finale Auflösung am Ende, wie man es vielleicht erwarten würde. Sondern in der Mitte. Von diesem Moment an leidet der Zuschauer gemeinsam mit der Hauptfigur - für Demers eine notwendige Voraussetzung für eine gelungene Erzählung.

Und noch etwas müsse ein guter Film leisten, sagt der Kanadier: "Er muss auch nach der Vorstellung weitergehen." In den Köpfen der Zuschauer, in den Gesprächen untereinander. Deswegen lässt er seine Werke gerne so enden, dass das Finale Interpretationsspielraum bietet. "Wenn die Vorstellung vorbei ist, können die Diskussionen darüber erst beginnen."