Kultur

Ein Forum musikalischer Grenzenlosigkeit

Wenn es die Jazz Open in Stuttgart nicht gäbe – man müsste sie erfinden. Denn in einer Welt, in der Jazz von vielen noch immer als verrauchte Nachtclub-Musik für Kenner verstanden wird, setzt dieses Festival seit zweieinhalb Jahrzehnten ein Zeichen der Offenheit, das wörtlich zu verstehen ist.

Allein in den letzten Jahren teilten sich Künstler wie Herbie Hancock und Jan Delay, Van Morisson und Lenny Kravitz gemeinsam die Bühne, und begegneten sich dabei keineswegs als Vertreter künstlerischer Kontraste: Sie alle avancieren hier zu Protagonisten eines Forums musikalischer Grenzenlosigkeit, dessen Dynamik unverkennbar ist. 1994 startete man auf einer Bühne an drei Tagen mit 5000 Zuschauern, heute zelebrieren 45 000 zahlende Gäste auf sechs Bühnen an zehn Tagen die melodische Vielfalt.

Mühsame Pioniertaten

Der Mann hinter dieser Vision heißt seit 2008 Jürgen Schlensog – und der ist kein Unbefleckter. Schon seit Jahren gehörte der Unternehmer „mit purer Begeisterung“ zu den Jazz-Enthusiasten, die die große Kunst dieser Musik verstanden: „Das Geschenk des Jazz ist die Improvisation. Mit offenem Visier und der Ahnung, dass alles möglich ist.“ Es ist genau dieser furchtlose Gedanke, der Schlensog schon 1996 umtreibt, als er in der Stuttgarter Liederhalle den großen Lionel Hampton spielen hört, die Freiheit dieses Klangs genießt und die Idee eines baden-württembergischen Montreux entwickelt.

Da mag die Selbstverständlichkeit, mit der die französische Jazz-Metropole die Genre-Grenzen überspringt noch so wegweisend sein: Die Vision funktioniert auch in Deutschland. Und das keineswegs aus purer Selbstverständlichkeit. Denn als Schlensog die Jazz Open vor mehr als zehn Jahren übernahm, trat er nicht nur die Suche nach Sponsoren für ein Festival an, das es nie auf große öffentliche Gelder abgesehen hatte: Er dachte das Programm auch deutlich progressiver. Um bei den großen Künstlern und ihren Managern auf dem Zettel zu stehen, reiste er zu Agenten nach London, Paris und New York, führte Gespräche, wo sonst E-Mails den Kontakt regieren und schwärmte von dem aufstrebenden Geist, der in der Landesmetropole auf örtliche Schönheit trifft. Mit Erfolg.

Als Pink Floyd-Mann David Gilmour den Stuttgarter Schlossplatz 2016 in massive Akkordwände hüllt, geschieht das nicht allein wegen des Publikums, sondern, weil ihn das Konzept das Festivals überzeugt. Der britische Multiinstrumentalist Jamie Cullum, der die Jazz Open unlängst als „künstlerisches Wohnzimmer“ bezeichnet, gastiert zum sechsten Mal in Folge in Stuttgart – von weiteren Festival-Premieren wie den Gastspielen von Blues-Legende Bob Dylan, oder Pop-Star Christina Aguilera hat man da noch gar nicht gesprochen.

Konsequente Weiterentwicklung

Zumal es den Organisatoren Jahr für Jahr gelingt, sich konsequent neu zu erfinden. Zum einen als Plattform für ein Genre, das sich der Öffentlichkeit bewusst und ohne Schranke stellt. Mit sogenannten Open Stages, auf denen auch die in der Quadratestadt ausgebildete Soul-Sängerin Fola Dada einen Soul zu schmettern versteht, der kompromisslos ins Ohr geht. Aber auch mit Projekten wie „Playground BW“, bei dem unter anderem der Mannheimer Jazz-Trompeter Thomas Siffling dafür sorgt, dass wahre Talente wie Pascal Blenke, der jüngst noch bei „Jazz im Quadrat“ von sich hören machte, sich plötzlich auf dem ganz großen Parkett präsentieren dürfen.

Doch man erinnert sich in Stuttgart auch an Abende, die es so nur hier zu erleben gab. Längst schon Kult-Charakter erreichte im vergangenen Jahr jener Moment, in dem Astro Alex gemeinsam mit Kraftwerk per Livestream die „Mensch-Maschine“ zum Leben erweckte – und wer 2013 dabei sein durfte, als Dee Dee Bridgewater gemeinsam mit Star-Pianist Lang Lang Gershwins „Rhapsody In Blue“ durch die Lüfte trug, bekommt dabei selbst heute noch feuchte Augen.

Womit man nicht nur bei der German Jazz Trophy angekommen ist, die Bridgewater in diesem Jahr – samt eines Konzerts zum Niederknien – für ihr Lebenswerk erhielt. Sondern bei der Kunst dieses Festivals an sich, das seinen Nucleus mit Künstlern wie Vijay Iyer oder Brad Mehldau nie aus den Augen verlor, aber mit Geheimtipps wie Camille O’Sullivan oder Pionieren wie Parov Stelar immer weiter dachte. „Wenn du einen Zaun vor dir siehst, musst du so lange Löcher graben, bis du unten durchkommst“, wie es Schlensog lächelnd ins Wort fasst. Es scheint, als sei er angekommen.