Kultur

Bayreuther Festspiele Von Sonnenaufgang bis „Lohengrin“ – Protokoll eines Festivaltages

Ein Hauch von Harry Potter liegt in der Luft

Archivartikel

Bayreuth, 5.33 Uhr: Die ersten Sonnenstrahlen erreichen den Baumhain am Grab Richard Wagners und seines Hundes Russ. Stille.

7.36 Uhr: Eine neonorange gekleidete Joggerin bekreuzigt sich, als sie am Grab vorbeiläuft. 22 Grad.

9 Uhr: Über dem Königsportal des Festspielhauses hisst ein Mann die W-Fahne.

9.45 Uhr: Zwei kuriose, exakt gleich gekleidete Herren mit Lederhosentracht und Sonnenbrille nähern sich Villa Wahnfried. Ihr Ziel: das Grab.

9.53 Uhr: Der Grabplatz, mit Spitzahorn, Birken und Linden umgeben, füllt sich. Das Grab: in der Menge verschwunden.

9.58 Uhr: Kinder und Männer kämpfen sich durchs Unterholz, um doch noch etwas zu sehen.

10 Uhr: Plötzlich: Ein Blechbläserchoral schmettert, gefolgt von Anton Bruckners „Ave Maria“ – der Festspielchor unter der Leitung von Eberhard Friedrich singt innig und stark. Es ist das traditionelle Chorsingen zur Eröffnung.

10.08 Uhr: Bruckner verstummt. Der Chorvorstand beschwört den Meister, aber auch das Wir-Gefühl in Zeiten irrer Diskussionen um Integration. Er empfiehlt Politikern: öfter gemeinsam singen!

10.14 Uhr: Musiker und Sänger stimmen den „Meistersinger“-Choral „Da zu dir der Heiland kam“ an. Das Grab liegt still. Der „lebende“ Tote rührt sich nicht.

10.30 Uhr: 28 Grad, die Sonne brennt. Schlimme Vorahnungen auf die Temperaturen im Festspielhaus machen sich breit.

11 Uhr: Die Kinderoper „Der Ring des Nibelungen“ beginnt.

11.30 Uhr: 30 Grad. Immerhin: Es weht eine leichte Brise.

12 Uhr: In Zeiten von #Metoo und Emanzipation sollte man auch mal über Lohengrins Mutter sprechen. Keiner weiß, wer sie war? Anruf bei den Festspielen. Auch dort nicht.

12.02 Uhr: Eine Abteilung recherchiert.

12.47 Uhr: Die Festspiele schicken einen Stammbaum. Parsifals Frau und also Mutter Lohengrins war: Kondwiramur.

13.07: Die Sonne verschwindet erstmals hinter einer Schäfchenwolke. 23 Sekunden lang. 31 Grad.

15 Uhr: Frauen in langen Kleidern und Männer in schweren dunklen Anzügen kämpfen sich den Grünen Hügel hinauf. 32 Grad.

15.15 Uhr: Schaulaufen auf dem Roten Teppich: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (15.19 Uhr), Entertainer Thomas Gottschalk (15.23 Uhr) und Ministerpräsident Markus Söder (15.26 Uhr) im Blitzlichtgewitter. Gegen Söder demonstrieren Leute: „Stoppt das Töten, nicht die Rettung!“ ist einer ihrer Slogans.

15.41 Uhr: Angela Merkel steigt aus einer dunklen Karosse. Sie trägt ein grünes Kostüm.

15.43 Uhr: 33 Grad.

16.02 Uhr: Das von Geigen hingehauchte A-Dur des „Lohengrin“-Vorspiels kühlt die Gemüter. Das ist notwendig: Das Festspielhaus wird zur Sauna. Die Bühne ist schön blau, die Sänger sind gut, der Kampf zwischen Lohengrin und Friedrich findet in der Luft statt. Ein Hauch Harry Potter.

17.00 Uhr: Ende erster Akt. Schon! Christian Thielemann hat rasant dirigiert. Die Menschen sind begeistert. Großer Jubel. Liebe auf den ersten Blick.

Zum Thema