Kultur

Literatur Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius wird heute 75 Jahre alt / Seine exzellent recherchierten Prosawerke fallen oft recht kurz aus

Ein kritischer Chronist der Zeit

Als einen „findigen und erfinderischen Beobachter“ lobte die Jury den Schriftsteller Friedrich Christian Delius, als sie ihm 2011 den Georg-Büchner-Preis zusprach, die bedeutendste deutsche Ehrung für einen Literaten. Er habe in Romanen und Erzählungen die „historischen Tiefendimensionen unserer Gegenwart“ ausgelotet.

Heute wird Delius 75 – und schreibt mit wachem Geist und kritischem Blick weiter. Demnächst erscheint die autobiografische Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“, in der er während eines einzigen Jazzkonzerts in New York im Jahr 1966 den Aufbruchsgeist der 68er Generation wach werden lässt – und selbst beschließt, ein anderes Schreiben zu wagen. Lang galt Delius als Vorzeigeautor dieser Epoche.

Inspiriert und gut recherchiert

„Ich wundere mich manchmal, dass mir immer noch so viel einfällt“, sagt der Berliner im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Schon zum 70. Geburtstag hat der Rowohlt Taschenbuch Verlag eine Neuausgabe des Gesamtwerks gestartet – eine ungewöhnliche Ehre für einen lebenden Schriftsteller. Sie umfasst inzwischen 18 Bände, angefangen von den bissigen literarischen Dokumentationen der 60er Jahre bis hin zu der abgründigen Rom-Hommage „Die linke Hand des Papstes“ (2013). Oft sind es schmale Bände, kunstvoll verknappt und stilistisch geschliffen. „Ich habe gemerkt, dass ich kein Langstreckler bin, ich bin eher für die Mittelstrecke geeignet“, sagt er.

Davon zeugt nicht zuletzt auch seine Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, in der sich ein Kellner aus der DDR auf die historischen Wanderspuren Johann Gottfried Seumes begibt – ein Buch, das auch in der Metropolregion Rhein-Neckar Spuren hinterließ: Leserinnen und Leser wählten es im Jahr 2006 zum „Buch im Dreieck“, das Gegenstand zahlreicher Veranstaltungen wurde. Zu Delius’ sorgfältig recherchierten Titeln gehört auch eine Trilogie zum Deutschen Herbst 1977, in der er den bewaffneten Kampf der RAF aufarbeitet.

Den 75. Geburtstag will Delius ordentlich feiern, auch seine zwei Töchter aus erster Ehe kommen, dazu die Enkelin. Er blickt auf ein Schriftstellerleben, in dem die Stadt Rom eine prägende Rolle spielt. Hier wird er 1943 als Sohn eines westfälischen Hilfspfarrers und einer Kindergärtnerin geboren. Delius wächst in Hessen auf, lebt in Berlin und findet später, wieder in Rom, seine zweite Frau – „ein schöner Zufall der Liebe“, wie er sagt.