Kultur

Schauspiel „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath in Stuttgart mit Live-Musik inszeniert

Ein Liebesdrama mit politischen Dimensionen

„Sieben Szenen von der Liebe, Lust und Leid, und von unserer schlechten Zeit“ – so lautet der Untertitel der überarbeiteten Fassung des 1931 von Ödön von Horváth geschriebenen Volksstücks „Kasimir und Karoline“.

Mit knappen Strichen zeichnet der Autor die Atmosphäre des Münchner Oktoberfests, auf dem es spielt, aber auch die Charaktere der Personen und die Umstände der Zeit.

Ödön von Horváth klagt nicht vordergründig an, sondern er entlarvt die Fehler und Übel der Gesellschaft durch seine differenzierte, realistische Schilderung des ganzen Milieus. Seine Akteure spielen nicht große Tragödie, sie leben vielmehr alltäglich und erleiden so auch ein geradezu banales Schicksal. Und doch erschüttert und ergreift die Geschichte von Kasimir und Karoline, weil sie alltäglich für die damalige Zeit ist und vielleicht auch zum Teil für die unsere.

Kasimir hat seine Arbeit als Chauffeur verloren und so glaubt er auch sein persönliches Glück verloren. Düster sind die Zeiten. Die armen Leute suchen Vergessen im Rummel. Sie spülen ihr Elend im Bierzelt hinunter.

Betäuben auf dem Oktoberfest?

Und eine solche, die sich amüsieren, aber nicht meditieren will, ist auch Karoline. Dagegen sieht der schwerfälligere und nachdenklichere Kasimir die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind. Was soll er auf dem Oktoberfest – sich betäuben? Und so trennen sich die zwei, die vielleicht „zu schwer füreinander sind“, wie Karoline meint. Sie vergnügt sich mit Schürzinger, einem Zuschneider, lernt Kommerzienrat Rauch kennen, der ihr einige Wünsche erfüllt, um bei ihr zum Ziel seiner Wünsche zu kommen, was allerdings eine Herzattacke verhindert. Er trifft mit dem Merkl Franz zusammen, einem Ganoven, der Autos knackt, und mit dem Merkl Franz seiner Erna, einer Dirne, die nicht abgeneigt ist, den Zuhälter zu wechseln.

Weil es die Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft, die Abhängigkeit des privaten Glücks von der sozialen Sicherheit, besser aufzeigt als die meisten modernistisch-politischen Demonstrationsstücke und weil es den Gesetzen des Theaters gehorcht, ist dieses Volksstück von damals, das der Autor selbst „eine Ballade von stiller Trauer, gemildert durch Humor“ nannte, auch heute noch spielenswert.

In Stuttgart sieht man ein schwarzes Bühnenrahmen-Gestell, auf der rechten und linken Seite je einen entsprechenden Turmaufbau, auf denen die Live-Musiker Meike Boltersdorf, Réka Cziszér und Ekkehard Rössle platziert sind, die passende Musik vom Beginn der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts intonieren. Eine stilisierte Achterbahn als beherrschendes Element des Bühnenbilds von Stéphane Leimé und Meika Dresenkamps Video mit Bildern der damaligen Zeit sorgen für die stimmige Atmosphäre. In diesem Rahmen setzt Stefan Pucher ein an der Realität orientiertes Spiel in Szene. Ihm geht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen der handelnden Personen, die der Regisseur aber nicht abstrahiert sieht, die er vielmehr in das Umfeld jener Jahre stellt.

Rote Faden bei Horvath

Und das bedeutet, dass er ein Liebesdrama mit politischer Dimension vorstellt. So trifft er auch die Intentionen von Ödön von Horváth, die sich nicht nur in „Kasimir und Karoline“ manifestieren, die sich vielmehr wie ein roter Faden auch durch seine anderen Theaterstücke aus den Jahren 1927 bis 1932 ziehen. Immer geht es dabei um politische und gesellschaftliche Verhältnisse, die auch die persönlichen prägen. Dazu gehört auch die Statisterie, die von Marysol del Castillo kostümiert, an Gestalten der damaligen Zeit erinnert.

Peter Oscar Musinowski als Kasimir ist der vom Leben enttäuschte, sture „abgebaute Chauffeur“, der so auch seine Liebe aufs Spiel setzt. In ihrem weißen, eleganten Hosenanzug ein wenig overdressed, gibt Manja Kuhl eine attraktiv-sexy Karoline, die nicht nur sportlich ihre gute Figur ins rechte Licht rückt, sondern der im Grund jedes Mittel recht ist, um auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern.

Zunächst bändelt sie mit dem skrupellosen Schürzinger des Paul Grill an, dann erliegt sie den Verführungskünsten des Kommerzienrats Rauch, verkörpert von Andreas Leupold. Felix Mühlen ist der brutale Merkl Franz, Sandra Gerling die von ihm abhängige, lethargische Erna, Horst Kotterba der sich dem Oktoberfest anpassende Landgerichtsdirektor Speer aus Erfurt. Dieter Schnabel