Kultur

Theater spezial „Hader spielt Hader“ umjubelt von 700 Fans im Großen Haus

Ein Provokateur par excellence

Archivartikel

Heilbronn „Humanismus!“, mit dem Gestus des Marktschreiers preist Josef Hader das Gesellschafts- und Bildungsideal, plaudert hurtig weiter: „Humanismus? Zum Beispiel Rucola, Volvo, Zander-Filet auf Rucola. Dazu einen Pinot Grigio vom Biobauern. Natürlich persönlich geholt, mit dem Volvo“ und resümiert: „Humanismus is scho Geld aussi haun! Bescheiden eben. Beruflich über Leichen gehen, aber mit Bio-Resonanz“. Im rhythmischen Singsang eines Oberösterreichers, samt leicht ironisieren–dem Tonfall, haut der Kabarettist im Programm „Hader spielt Hader“ den 700 Fans im ausverkauften Großen Haus des Heilbronner Theaters zielgruppengenau jene Heucheleien, Vorurteile und Lebenslügen um die Ohren, mit denen sich das typische Theater- und Kabarett–-Publikum eingerichtet hat.

„Im Mittelalter haben sie gedacht, wir erfinden den Humanismus, damit die kommenden Jahrhunderte humaner werden. Wenn sich was nicht ausgeht, veranstaltet die SPD einen Flohmarkt!“ Vom wahren Ideal zum Warencharakter werden gegenwärtig Werte verramscht, und das in einem Tempo, das Schwindel erregt. Politisches Kabarett heißt für Hader nicht, auf Politiker eindreschen und damit billige Lacher kassieren. Er fängt im Hier und Jetzt an: Vor der Vorstellung habe er einen Spaziergang durch das sonnige Heilbronn gemacht. „Einen netten Fluss haben sie hier. Zum Glück lässt sich ein Fluss nicht wegbomben“. Von der Tretmine, die völlig unerwartet gleich am Anfang hochgeht zum polierten Spiegel, den er sich selbst und seinem Publikum vorhält, entwickelt sich ein Flow, der dem Programm die Aura des guten alten Stegreif-Theaters gibt.

Was ist improvisiert, was festgelegt? Zum Credo des 1962 im Unteren Mühlviertel geborenen Bauernsohns, der das Stiftsgymnasium in Melk besuchte, dort eine Hassliebe zu Religion und Kirche entwickelt habe, wie er sagt, und im Schultheater des Klosterinternats erste, auf der Straße weitere (Bühnen-)Erfahrungen sammelte, gehört das Bekenntnis zum Amateur.

Er könne keine Witze erzählen. Er könne nicht Hitler parodieren, bis auf das Wort: „Kartoffelernte“ – ein Brüller. Vor allem, weil er zuvor in der Erregung über Missstände sprachlich bereits mehrfach ins Führer-Pathos geglitten ist. Er könne auch nicht Klavierspielen, weil er Akkordeon gelernt habe und ihm fürs Klavier-Spiel die Technik der linken Hand fehle. Das Resultat ist ein Minimalismus, abgebrüht wie ihn Künstler der 1980er Jahre pflegten, die als „geniale Dilettanten“ in die deutsche Kunstgeschichte eingegangen sind. In diese Epoche fällt auch Haders Debüt: 1982 schrieb er sein erstes Kabarettprogramm „Fort Geschritten“. Versiert ist er im Karikieren und Auseinandernehmen von Vorurteilen. Was ist typisch deutsch? Hitler! Was ist typisch österreichisch? Beethoven! Die blödesten Tiere sind Katzen, das fehlende Bindeglied zwischen Pflanze und Tier, übertroffen nur von Delfinen, den grinsenden Trottelviehchern. Katzen kommen nur cool rüber, ein Miau und schon füttert Frauchen, die selbst gerade die x-te Diät macht. Am Ende sieht sie aus wie ein Schrumpfkopf und die Katze wie ein Kugelfisch.

Zehn Soloprogramme, 22 Auszeichnungen (darunter ein Grimme-Preis) und 35 Filme später zeigt Hader die Grenzen der Philosophie auf, lässt Plato auf den Scherben „Souvlaki“ tanzen und zwingt seinen maulfaulen Tontechniker im Dialog mit ihm ein Gedicht zu rezitieren. Eckpfeiler des dramaturgischen Spannungsbogens sind auch Dialoge mit dem Publikum und Songs wie „In the neighbourhood“ von Tom Waits, übersetzt „In der Nachbarschaft“.

Ein Kinderwunsch wird mit Seitenhieb aufs Preis-Leistungs-Verhältnis wegrationalisiert: Vor die Wahl gestellt ob Kind oder Auto, habe man sich fürs Auto entschieden, denn mit Kind kommt man nicht soweit. Der heulenden, nach Liebe lechzenden Ehefrau erklärt er: „Natürlich bin ich ehrlich zu dir, weil du mir Wurst bist!“. Er wollte doch nur Witze machen – aber wie erwähnt, Witze machen kann er nicht, behauptet der Provokateur par excellence.