Kultur

Schreibwettbewerb Sylvia Deißler freut sich über den ersten Preis und 250 Euro bei „Erzähl mir was“ / Weitere fünf Auszeichnungen vergeben

Ein „Stück Fleisch“ hat die Nase vorn

Archivartikel

„Wahnsinn“, sie fühle sich wunderbar, sagt eine jauchzende Sylvia Deißler am Telefon. Sie habe nicht mit dem Triumph gerechnet, sagt sie – und schickt dann doch noch ein Eigentlich hinterher. Und dieses Eigentlich der Siegerin unseres Schreibwettbewerbs „Erzähl mir was“ beinhaltet ja vielleicht doch die Tatsache, dass die 43-jährige Finanzbeamtin aus Assamstadt bei Bad Mergentheim viel Schreiberfahrung hat – und damit ist keinesfalls das gemeint, was sie auf dem Finanzamt aufs Papier bringt. Deißler habe schon als Jugendliche viel und viele Geschichten geschrieben, sagt sie, Deutsch sei ihr Lieblingsfach gewesen und ihr großer Traum seit eh und je: ein Buch schreiben.

Nun ist es erst mal das „Wiener Schnitzel“ geworden, eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, von Vertreibung und Flucht, von einer alleinerziehenden Mutter, ihren Töchtern und der Angst, ein russische Soldat, der sich immer in der Nähe der Familie in einer Wiener Gärtnerei der Verwandten Franzi aufhielt, könne sich an der Mutter und ihren Töchtern vergreifen. Die Angst indes ist irrational. Es ist die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten an sich. Und wie es so ist: Aus Misstrauen wird Empathie. Der Russe stellt sich am Ende als Gutmensch heraus, der der Flüchtlingsfamilie aus Mitleid sogar ein Schwein stiehlt, das alle Figuren schlachten, ausnehmen und verarbeiten.

Eher ein Schnitzel Wiener Art

Es ist eine wahre Begebenheit, die Deißler immer und immer wieder von ihrer Tante gehört hat. Und dass die Erzählung „Wiener Schnitzel“ heißt, ist reiner Zufall. „Ich habe so lange überlegt, welche Überschrift ich dem Text gebe“, sagt Deißler, „und irgendwann habe ich es einfach aufs Fleisch reduziert.“ Auf die Anmerkung, dass es sich bei Schwein nicht um ein „Wiener Schnitzel“ handle, sondern um ein Schnitzel Wiener Art, sagt sie, das habe sie erst hinterher bemerkt. Der Geschichte tat das ohnehin keinen Abbruch. Sie überzeugte fast ein Viertel der Menschen, die bei „Erzähl mir was“ abgestimmt haben.

Ausgangspunkt von „Erzähl mir was“ war Corona und die dadurch entstehende Leere. Das erinnerte uns an die Novellensammlung „Das Dekameron“ des Renaissance-Humanisten Giovanni Boccaccio. Im „Dekameron“ (aus dem Griechischen: zehn Tage) flüchten sich sieben Frauen und drei Männer aus Florenz vor der Pest in die Isolation eines Landhauses in den Vorort Fiesole. Zehn Tage lang erzählt täglich jede und jeder eine Geschichte nach thematischer Vorgabe. Es entstehen 100 Erzählungen. Das Coronavirus, sagten wir uns, ist zwar nicht die Pest. Aber die großen Einschränkungen im Alltag sind ähnlich unschön – und die Enge der Isolation nimmt für den einen oder die andere vielleicht sogar depressive Züge an. Sicherheit bezahlen wir mit Freiheit. Diese Zeit des Auf-Sich-selbst-geworfen-Seins wollten wir als Chance begreifen, fantasievoll werden und Hoffnung verbreiten – durch Erzählen.

Fast 300 Einsendungen haben uns erreicht, aus denen eine Redaktionsjury dann die aus ihrer Sicht besten zwölf Geschichten ausgewählt hat, die über zwei Wochen gedruckt und im Internet als Podcast veröffentlicht wurden. Fast 1000 Menschen haben danach gevotet – telefonisch, im Netz, per E-Mail.

Jüngste Gewinnerin ist 16

Neben dem Hauptpreis an Sylvia Deißler haben die Literaturfans der Region noch über fünf Nebenpreise abgestimmt. Die gehen an die erst 19 Jahre junge Valentina Poveda Cordóva aus Heidelberg und ihre Künstlerstory „Die Farbe der Hoffnung“, an Hans-Jochen Hüchting (77, Weinheim) und die rührende Erzählung über die verstorbene „Gesa“ und ihren Mann, der plötzlich eine andere Frau kennenlernt, dann an die 59-jährige Krimiautorin Claudia Schmid aus Mannheim, deren bissige Krimikomödie über „Gute Nachbarschaft“ überzeugt hat, und an Annika Wagmann (20, Hockenheim) und ihre Dreiecksgeschichte über einen toten Freund, der vielleicht auch nicht „Nur ein Freund“ war, so der Titel.

Und dann ist auch die jüngste unter den Finalistinnen dabei: Amelie Michel aus Weinheim. Sie ist tatsächlich erst 16 Jahre alt und hat mit ihrer Abschiedsgeschichte „Ein letztes Mal Wir“ über zwei Schulabsolventen, die sich auf einem Riesenrad Adieu sagen und vielleicht doch mehr als nur Freunde bleiben, ebenfalls gewonnen. Auch hierauf würde Deißlers eingangs erwähntes „Wahnsinn“ passen.

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