Kultur

Kult-Musical „The Black Rider“ Gelungene Premiere im Würzburger Efeuhof mit viel Beifall bedacht

Ein teuflisch-schräger Spaß

Archivartikel

Wie inspirierend es sein kann, eine neue Außenspielstätte und jüngeres Publikum zu erobern, wenn der Zeitpunkt der Modernisierung der eigenen Bühne immer näher rückt, lässt sich ab sofort in der familiär-kuscheligen Atmosphäre der Behr-Halle neben dem Würzburger Rathaus erleben. Rund 150 Besucher hatten bei der ausverkauften Premiere des Kult-Musicals „The Black Rider“ ihren teuflisch-schrägen Spaß.

Originelle Kostüme

Schon zum Auftakt – und zum Schluss als Zugabe – rockt die sechsköpfige, originell kostümierte Band von Adrian Sieber und Maria Brendel den inzwischen überdachten Efeuhof mit dem launig-bösen Eingangschor „Come on along with the Black Rider – Let’s have a gay old time!“ Als Stelzfuß im silbrig glitzernden Anzug – der Teufel trägt nicht immer Prada – lässt ein Multitalent die Puppen tanzen.

Tim Egloff greift mit seiner Inszenierung das 1990 am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführte Stück von Regisseur Robert Wilson auf, ohne sich von einem vorgegebenen Korsett zu sehr einengen zu lassen. So gelingt dem gebürtigen Hamburger mit seiner bar jeder Selbstzweifel singenden und agierenden Schauspieltruppe eine ersprießliche Mischung von englischen Songtexten mit den von Wolfgang Wiens ins Deutsche übersetzten Schauspieltexten des Drogenpapstes William S. Burrough.

Nach Motiven der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber geht es um den Amtsschreiber Wilhelm, der sich in die hübsche Försterstochter Käthchen verliebt, diese erwidert seine Gefühle.

Kernig, aber einfältig

Doch ihre Eltern, der Oberförster Bertram und seine Frau Anne, favorisieren den kernigen, wenn auch etwas einfältigen Jägerburschen Robert. Mit dessen Schießkünsten will der unbedarfte Wilhelm unbedingt mithalten, doch schießt er nur Fahrkarten. In seiner Verzweiflung nimmt er das Angebot des geheimnisvollen Stelzfußes an, der ihm „magic bullets“ anpreist, mit denen er jedes Ziel trifft. Als alle Munition verballert ist, will der Schreiberling Nachschub und gerät in die teuflischen Fänge von Stelzfuß, der ihm sechs Kugeln zusteht, den siebten Schuss von Wilhelm lenkt der Teufel mitten in Käthchens Herz.

Tragisch und makaber

Mit diesem tragischen Ende, das sich schon ankündigt, als Käthchen im Hochzeitskleid ein Schleier aufgesetzt wird und sie plötzlich blutüberströmt Wilhelm gegenübersteht. Wirklich makaber: Da hat Autor Burroughs wohl sein eigenes Schicksal verarbeitet, denn der Waffenfreak tötete unter Drogeneinfluss mit 38 Jahren seine Frau bei dem dilettantischen Versuch, die Apfel-Szene aus „Wilhelm Tell“ nachzustellen.

Unnachahmlich spielt Maria Brendel den Stelzfuß als Conférencier, der als Teufel weder Mann noch Frau ist und mit souveräner Großzügigkeit den Schwächen des weltfremden Wilhelm Sympathien entgegenbringt, um diese dann umso bedenkenloser für eigene Ziele zu missbrauchen.

Der Rolle des weltfremd Liebenden und nach Anerkennung süchtigen Wilhelm verleiht Cedric von Borries mit eklatant schöner Stimme eine besonders tragisch-komische Komponente. Geschüttelt von Krämpfen stolpert er auf der verzweifelten Suche nach magischen Kugeln – seiner Droge – durch ein Panoptikum von abgehalfterten Figuren. Julia Baukus gibt die in Wilhelm verliebte Försterstochter Käthchen mit Herzenswärme und voller Dankbarkeit, sich in diesem Ensemble voll kruder Gestalten mit Haut und Haar in die Rolle der unbeirrbar Liebenden flüchten zu können.

Zwischenapplaus

Ihre Eltern spielen Martin Liema als angesichts der Irrungen und Wirrungen der Kinder wohltuend pragmatischer Förster Bertram und Johanna Meinhard als die mit einer eher schwach temperierten Empathie agierende Ehefrau Anne. Mit Verve stürzt sich Alexander Darkow als junger und später als gesetzter Erbförster Kuno ins Getümmel.

Den heimeligen Efeuhof – Behr-Halle klingt viel zu angestaubt – bezieht Nicole Zielke komplett ins Spiel ein, von der Fensterreihe im Obergeschoss mit Zielscheiben für Wilhelms Schießübungen bis zum kitschig beleuchteten, löchrigen Herzen oberhalb des Treppengeländers, das sie gleichzeitig als Tragegerüst für Käthchens wie eine Bahre schräg aufgerichtetes Bett einer sinnigen Verwendung zuführt. Den Zwischenapplaus hat sich der Einbau einer Minibar im hölzernen Hirschbauch verdient. Weitere Gags seinen an dieser Stelle nicht verraten. Das Orchester ist mit heiteren bis melancholisch verschatteten, von ironischen Brechungen nur so wimmelnden Kompositionen ein Hörgenuss per se.

Bandleader Adrian Sieber, der virtuos so unterschiedliche Klangerzeuger wie Mandoline, Banjo, Ukulele, Gitarre, Singende Säge, Theremin und Toy Piano zu Gehör bringt, entfacht mit Dirk Rumig/Robert Dreksler (Klarinette), Anna Werner (Horn), Amélie Warner (Harmonium, Klavier), Lorenz Huber (Bass) und Quirin Schuhbeck (Schglagzeug) ein musikalisches Feuerwerk, das nicht nur den singenden Schauspielern Halt gibt, sondern selbst die plattesten Sprüche – etwa wenn Schreiberling Wilhelm jammert: „Nicht ein Tier im Revier, ich geh’ wieder zum Papier“ – akustisch mit energiegeladener Atmosphäre überspielt.