Kultur

Schauspielhaus Stuttgart Kay Voges‘ „Das 1. Evangelium frei nach dem Matthäus-Evangelium“ oder die drängende Frage: „Was wollen die eigentlich?“

Ein theatralisches Höllenspektakel

Archivartikel

Im Schauspielhaus Stuttgart wurde ein Stück uraufgeführt, das etwas mit der Bibel zu tun hat, aber in der Art der Vorstellung ein theatralischer Höllenspektakel ist.

„Das 1. Evangelium frei nach dem Matthäus-Evangelium“ nennt der 45-jährige Kay Voges, seit mehr als sieben Jahren Intendant des Schauspiels Dortmund, sein Werk, das er als Regisseur selbst in Szene setzte.

Das „frei noch dem Matthäus-Evangelium“ bedeutet, dass lediglich rund die Hälfte des Textes dieser Quelle entspringt. Der andere Teil verteilt sich auf weitere Kapitel aus der Bibel und knapp 20 Autoren. Ähnlich verhält es sich mit der musikalischen Illustration.

Da werden Kompositionen von Johann Sebastian Bach, das Leitmotiv der TV-Serie „Homeland“ und der Sound der 90er-Band REM zu Gehör gebracht.

Und auch optisch sieht man auf, vor und neben der Drehbühne allerlei, das man nicht unbedingt mit der Geschichte als solcher in Verbindung bringen muss, wobei diese ohnehin nicht linear und für jedermann verständlich erzählt wird.

Es geht zur Sache

Da tritt zunächst Rahel Ohm in Gestalt einer Oma in Weiß als Erzengel Gabriel auf.

Danach geht es direkt zur Sache, wenn Marietta Meguid als blutverschmierte, stöhnende, gebärende Maria die Ahnentafel von Abraham über Isaak, Jakob und Josef bis Christus herunterbetet. Dann wird wie in Goethes „Faust“ darüber gestritten, was im Anfang war – das Wort, der Sinn, die Kraft, die Tat. Und schließlich entpuppt sich das Ganze als Dreharbeiten zu einem Film.

Dazu bedarf es auch der Drehbühne, die sich ständig entgegen dem Uhrzeiger dreht.

Da sieht man ein Krankenbett in einem weißen Zimmer, einen öffentlichen Fernsprecher, eine „Paradise“-Theke, antike Säulen, stehende Bilder, einen „Theatre“-Wagen, Christus, der sein Holzkreuz über die Bühne schleppt, Trauernde und römische Krieger.

Und weil das ganze Theater in Form von Dreharbeiten zu einem Film vorgestellt wird, bedarf es auch eines Regisseurs auf der Bühne.

Nackte von hinten

Diesen Fred gibt Paul Grill, der nicht nur herumschreit, sondern der auch pseudo-philosophisch schwafelt. Ihm gegenüber steht Holger Stockhaus als Produzent Hans Werner Rhode im Cowboy-Look, der nicht von ungefähr meint: „Man fragt sich, was wollen die eigentlich“.

Ada, Eva und Johannes

Adam und Eva traten auf, ebenso Manolo Bertling, der den Judas spielt und als Pontius Pilatus die Frage stellt: „Jesus oder Barabbas“.

Peer Oscar Musinowski als Johannes der Täufer hat epileptische Anfälle. Man sieht Nackte von hinten.

Zum Schluss heißt es im Schauspielhaus dann noch: „I want to believe“. Dieter Schnabel