Kultur

Auszeichnung Unesco würdigt Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland als Weltkulturerbe

Eine alte Kunst mit Zukunft

Auf einer Orgelbank Platz zu nehmen – das ist wie das Atemholen vor der Gipfelbesteigung. Die Königin der Instrumente fordert von ihren Untergebenen Demut, aber sie belohnt sie mit einem verschwenderischen Klangreichtum. Indem die Unesco den Orgelbau und die Orgelmusik zum Weltkulturerbe erklärt, würdigt sie den besonderen Stellenwert, den die Orgelkunst in der Kulturgeschichte einnimmt. Und in der sie es bis heute vermocht hat, Tradition mit Moderne zu verbinden.

Das Orgelhandwerk beruht auf jahrtausendaltem Wissen. Doch dank Elektronik und Digitalisierung kommen aus den Werkstätten der Orgelbauer mittlerweile Hightech-Maschinen. Auf Balgtreter für den nötigen Wind ist der Organist nicht mehr angewiesen. Er steuert sein Instrument vielmehr auf Knopfdruck, inklusive Setzwerk zum Programmieren der Stimmen. Moderne Instrumente wie die Speyerer Domorgel erlauben es dem Organisten, sein Spiel aufzuzeichnen und es anschließend selbst abzuhören.

Doch die Königin der Instrumente ist eine Diva. Bei Temperaturschwankungen gibt sie sich verstimmt, und eine sensible Pflege inklusive Intonation ist Voraussetzung für ein langes Leben. Verglichen mit den Zahlen der Gottesdienstbesucher, stoßen Orgelkonzerte hierzulande auf eine große Resonanz. Wenn das Konzertrepertoire auch meist bei Dietrich Buxtehude beginnt und mit Sigfrid Karg-Elert endet, so fordern zeitgenössische Komponisten die Klangvariabilität und das Volumen einer Orgel auf provozierende Weise heraus.

Grütters: „Noch wichtig“

In einigen Stellungnahmen zur Unesco-Entscheidung schimmert jedoch die Sorge durch, dass die Orgelmusik auf einen schützenswerten Status geradezu angewiesen sei. Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte, Orgelbau und Orgelmusik seien „auch heute noch ein wichtiger Teil unseres Musiklebens“. Das besondere Detail liegt im Wörtchen „noch“: Kirchengemeinden wissen ein Lied davon zu singen, wie schwierig es ist, eine notdürftig immer wieder zusammengeflickte Barockorgel zu sanieren – bei rückläufigen Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen. Immerhin fördert die Bundesregierung die Modernisierung national bedeutsamer und historisch wertvoller Orgeln in diesem Jahr mit rund fünf Millionen Euro. Der deutsche Orgelsachverständige Michael Kaufmann – Mitinitiator des Antrags bei der Unesco – erwartet nach der Verleihung zusätzliche finanzielle und personelle Mittel, etwa für die Aus- und Fortbildung von Organisten und Orgelbauern sowie für den Neubau und die Restaurierung von Orgeln. Denn die Königin der Instrumente ist nicht nur eine Diva, sondern auch ein Unikat: Jedes Instrument gleicht einem Gesamtkunstwerk, das auf den jeweiligen Raum abgestimmt wurde und nur an diesem einen Ort zu voller Blüte gelangt.

Markus Lenter, Geschäftsführer der Orgelbaufirma im baden-württembergischen Sachsenheim – sie hat die Steinmeyer-Orgel der Mannheimer Christuskirche restauriert – erwartet von der Entscheidung der Unesco-Kommission allenfalls Denkanstöße, aber wenige konkrete Folgen. Sei die Situation des Orgelbaus doch in enger Weise mit kirchlichen Entwicklungen verbunden.

Der moderne Orgelbau wurzelt, so Lenter, im traditionellen Handwerk: „Wir können nichts anders machen als unsere Vorväter.“ Dieses Handwerk erfordere zudem viel Geduld, die bei angehenden Orgelbauern immer seltener anzutreffen sei. Zudem seien Kompetenz und Leidenschaft gefragt, mit der die Gehälter kaum Schritt halten könnten.

Der Vorsitzende der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands (VOD), der Speyerer Domorganist Christoph Keggenhoff, erhofft sich von der Entscheidung der Unesco indes wichtige Impulse für eine neue Wertschätzung der Orgelmusik. Als gottesdienstliches Instrument bleibe die Orgel dem kirchlichen Spektrum verhaftet; doch als schützenswertem Kulturgut stehe ihr nunmehr die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit zu.