Kultur

Mainfranken Theater Würzburg "Pinocchio" von Carlo Collodi wird begeistert von den kleinen und großen Zuschauern aufgenommen

Eine atemberaubende Reise in eine Fantasiewelt

Archivartikel

Es ist die Geschichte der berühmtesten Holzpuppe der Welt: Bereits im 19. Jahrhundert erfand der Italiener Carlo Collodi die Holzfigur des Pinocchio, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein. In zahlreichen Adaptionen ist die wundervolle Geschichte des Jungen, dessen Nase beim Schwindeln länger und länger wird, seither weltweit erzählt worden. Ganz im Sinne der "Commedia dell'arte" erinnert im Würzburger Weihnachtsstück ein reich drapierter bunter Leiterwagen mit drei Musikanten an fahrendes Theatervolk, das über Land zieht und mit Masken, Musik und viel Situationskomik die Zuschauer begeistert. Dabei wechseln temporeiche Szenen wohltuend mit bedächtigeren Bildern ab.

Ansprechende Live-Musik

Adrian Sieber ist der Komponist der ansprechenden Live-Musik, die mit ihm, Kevin Sauer und Tobias Schirmer als Musiker-Trio mit eigenen Melodien und Liedern, aber auch mit Lautmalereien wesentlich zur dichten Atmosphäre des Stücks beiträgt. Schon die knirschenden Gelenke der von Geppetto aus einem Pinien-Holzblock geschnitzten Figur, die als Pinocchio (Cedric von Borries) zum Leben erweckt wird, fesseln die Aufmerksamkeit des jungen Publikums.

Das Stück, geeignet für Kinder ab fünf Jahren, taucht mit raffinierten Lichteffekten (Benedikt Kreutzmann) in eine fantastische Welt ein. Zur "Belohnung" darf es mit 75 Minuten gerne länger als eine Stunde dauern, nach der sonst die Aufmerksamkeit der jungen Theaterfreunde erschöpft ist und es auf den Sitzen immer unruhiger wird.

Denn Regisseur Ramin Anaraki verliert nicht nur in den temporeichen Szenenfolgen nie die Kinder aus dem Blick, die gedanklich quasi mit den Akteuren auf der Bühne agieren. Bei den atemberaubenden, aber nie Ängste hervorrufenden Bühnenbildern und Ausstattungsvisionen von Susanne Hiller und Chefmaskenbildner Wolfgang Weber, darunter eine die große Bühnenrückwand fast sprengende Marionettenfigur, wird die zudem recht dünn geratene lange Nase des Pinocchio optisch fast zur Nebensache. Zu den Höhepunkten der abenteuerlichen Reise des Pinocchio in eine Fantasiewelt gehören die Auftritte der herrlich kostümierten Grille (Hannes Berg), die sich auf dem Dach der Tischlerwerkstatt heimisch fühlt, der Füchsin (Hannah Walther) und des Katers (Martin Liema), die mit ihren überdimensionalen Kopfmasken verwachsen zu sein scheinen und Pinocchio mit ihren Gaunereien und Tauschgeschäften immer wieder auf Abwege locken. Denn eigentlich soll es in die Schule gehen, für deren Besuch Geppetto (Meinolf Steiner) seine alte Schulfibel herausgekramt hat. Fürsorglich begleitet er die ersten Schritte des Jungen ins Leben. Doch schon Eugenio (Bastian Beyer) bringt Pinocchio mit seinen Schwärmereien für das Spielzeugland mit ewigen Ferien vom rechten Weg ab. Selbst für Erwachsene gerät die fantastische Welt des Marionettentheaters und auch das Abenteuer im Bauch des Walfisches zum glänzenden Überwältigungstheater.

Moralische Botschaft

Wie Paul Walther als Puppenspieler, Wirt und Direktor des Spielzeuglandes schlüpfen auch Bastian Beyer in mehrere Rollen als Eugenio, Kasperle und Thunfisch, sowie Helene Blechinger als Rosaura und Fee mit nachtblauen Haaren, die den leichtsinnigen Pinocchio aus einer brenzligen Lage befreit.

Dass Pinocchio spät, aber nicht zu spät erkennt, was ihm Geppetto als guter Vater bedeutet und dass ein Scheitern und Wiederaufrappeln zum Leben dazugehört, ist die eingängige moralische Botschaft des Stücks ganz ohne erhobenen Zeigefinger.