Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Rechercheprojekt „Magnolienzeit“ aufgeführt

Eine bedrückende Atmosphäre

„Magnolienzeit“ ist ein Rechercheprojekt des Mainfranken Theaters, das in Kooperation mit der Universität Würzburg, dem Juristen Alumni e.V. und dem Stadtarchiv Würzburg in eine Theaterfassung über die Vor- und Nachgeschichte der verheerenden Bombardierung Würzburgs durch etwa 230 Bomber der Air Force am 16. März 1945 mündete. Über der Stadt wurden ab 21.25 Uhr in nicht einmal 20 Minuten fast 400 Tonnen Sprengbomben und fast 600 Tonnen Markierungs- und Brandbomben abgeworfen, denen rund 4000 Menschen zum Opfer fielen und die Stadt in Schutt und Asche legten.

Dabei hatten sich die Würzburger Hoffnungen gemacht, als Sanitäts- und Lazarettstadt ohne strategische Bedeutung von Luftangriffen verschont zu bleiben. Begierig wurde das Gerücht aufgegriffen, dass der britische Premierminister Winston Churchill in Würzburg studiert habe. Allerdings hatte es bereits am 21. Juli 1944 und am 19. und 23. Februar Bombenangriffe auf die Innenstadt, den Hauptbahnhof und Grombühl gegeben.

Die Uraufführung von „Magnolienzeit“ im ausverkauften Max-Stern-Keller unter der Alten Universität fand in einem Kellergewölbe des Weingroßhändlers Joseph Stern statt; dessen Sohn Max Stern hatte den Betrieb zu einem der größten Weinhandelsunternehmen der Region ausgebaut, wie dem Programmheft zu entnehmen ist.

Kurz vor der sogenannten Reichskristallnacht sah sich Max Stern nach antisemitischen Anfeindungen gezwungen, seinen Besitz zu verkaufen und 1938 mit seiner Familie in die USA zu flüchten. Bei der Uraufführung trugen Helene Blechinger, Maria Brendel, Hannes Berg, Bastian Beyer und Anton Koelbl mit szenischem Spiel vielschichtige Texte vor. Es sind die Früchte der Recherchen von Regisseur Tjark Bernau, der Dramaturgin Antonia Tretter und des Schauspieler-Quintetts im Stadtarchiv und Bibliotheken sowie der Gespräche mit Historikern und Zeitzeugen.

Persönliche Schilderungen

Mit persönlichen Schilderungen von Überlebenden wurden die Geschehnisse der Bombennacht auf eine ganz eigene Art wieder lebendig. Packend wurden mit nur wenigen Holzwürfeln und Requisiten Geschehnisse der 30-er und 40-er Jahre nacherzählt, wobei schon im Vorfeld der Bombennacht eine öffentliche Versteigerung des gesamten Hab und Guts einer jüdischen Familie unter die Haut ging, weil die Zuschauer als Kaufinteressenten angesprochen wurden und die Auktion in einer rauschhaften Orgie endete.

Jedes Jahr läuten alle Glocken der Innenstadt am Gedenktag, und die Würzburger versammeln sich mit Kerzen im Zeichen von Frieden und Versöhnung zum Lichtergedenken. Zur Sprache kamen in „Magnolienzeit“ auch Tendenzen, die Erinnerungskultur mit einem Opfermythos zu verknüpfen, der die Verbrechen des sogenannten Dritten Reiches verharmlost.

Wie es zum Titel des Stücks gekommen ist, wurde gegen Ende der Aufführung deutlich: Zwischen dem Kaufhaus C&A und dem Hauptbahnhof stehen oft schon Mitte März Magnolienbäume beeindruckend in voller Blüte. Es wird erzählt, dass dort in einem Bombentrichter die im Feuersturm bis zur Unkennkenntlichkeit verbrannten Menschen in einem Massengrab verscharrt wurden.

Dokumentiert ist das Massengrab vor den Toren des Hauptfriedhofs, in dem etwa 3000 Kinder, Frauen und Männer beigesetzt wurden. Im letzten Jahr wurde dort eine Gedenkstätte mit 32 Glastafeln eingeweiht, auf denen die Namen der 1563 namentlich bekannten Opfer aufgelistet sind. ferö