Kultur

Schauspielhaus Stuttgart „Die sieben Todsünden“ in zweifacher Version hat mit dem ursprünglichen Ballett nur sehr wenig zu tun

Eine mit zahlreichen Provokationen gespickte Performance

Archivartikel

Im Théâtre des Champs-Elysées in Paris uraufgeführt, werden „Die sieben Todsünden“, ein Ballett mit Gesang in sieben Bildern, mit Prolog und Epilog, heute nur noch selten gezeigt. Der Text zu dem Werk stammt von Bertolt Brecht, der dazu auch Inhaltsangaben und Bühnenanweisungen geschrieben und später zur Verdeutlichung den ursprünglichen Titel in „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ umgeändert hat. Die Musik dazu ist von Kurt Weill. Für die Choreographie und das Bühnenbild zeichneten damals Georgs Balanchine und Caspar Neher verantwortlich.

Jetzt, wird dieser Stoff gleich in zweifacher Version als Koproduktion von Ballett, Oper und Schauspiel der Staatstheater im Schauspielhaus Stuttgart präsentiert und wird nicht nur unter dem ursprünglichen Titel, sondern auch noch als „Seven heavenly sins“, als „Live testimonial by Peaches“, angekündigt. Jeweils rund dreiviertel Stunden dauern die pausenlos aneinandergereihten zwei Teile der Aufführung.

Für die Regie zeichnen Anna-Sophie Mahler und „featuring Peaches“ verantwortlich. Es spielt das Staatsorchester Stuttgart, unter der Leitung von Stefan Schreiber, einst Studienleiter der Stuttgarter Oper. Die Choreographie besorgt Louis Stians, Halbsolist des Stuttgarter Balletts.

Das ursprüngliche Ballett zeigt die Reise der zwei Schwestern Anna, die für sich und ihre Familie, das Geld zu einem kleinen Haus erwerben wollen. „Die eins der beiden Annas ist die Managerin, die andere die Künstlerin, die eine (Anna I) ist die Verkäuferin, die andere (Anna II) die Ware“. Gezeigt werden die sieben Todsünden: Faulheit im Begehen des Unrechts, Stolz auf das Beste des Ichs, Zorn über die Gemeinheit, Völlerei (Sättigung, Selberessen), Unzucht (selbstlose Liebe), Habsucht bei Raub und Betrug sowie Neid auf die Glücklichen und wie man diese sieben Todsünden vermeiden kann.

In Stuttgart gibt es nicht nur zwei Annas, sondern gleich vier. Im Mittelpunkt, des Geschehens steht ein Boxring. In ihm wird nicht nur geboxt, sondern auch im Freistil gerungen. Da geht immer wieder jemand zu Boden und k.o., steht dann aber auch wieder auf und fightet weiter oder er wird außerhalb des Rings niedergeschlagen.

Dann gibt es zwischendurch einmal ein Schattenspiel oder ein Gitarrist tritt auf. Es wird gesprochen von der Nürnberger Schauspielerin Josephine Köhler, es tanzen Louis Stiens und Melinde Witham und es singen die Tenöre Gergely Németi und Christopher Sokolowski, der Bariton Elliott Carlton Hines, der Bass Florian Spiess sowie mit schriller Stimme Peaches.

Mit dem ursprünglichen Ballett hat das Ganze im Grund nur noch wenig zu tun. Ging es einst darum, „mit dialektischer Gedankenschärfe die moralische Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen“, so will jetzt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler „die großen Fragen nach der Möglichkeit von individueller Freiheit und den Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben stellen“.

Doch wie? Noch weniger hat allerdings die Show der 52-jährigen Kanadierin Herrin Merrill Beth Nisker, die sich Peaches nennt, mit dem gesellschaftspolitischen Anliegen des ursprünglichen Werks zu tun. Abgesehen vom Text, der sich in erster Linie durch eine permanente Folgen von Zoten auszeichnet, die auch bildlich illustriert werden, hat diese Selbstdarstellung der Electroclash-Sängerin, die „eine feministische Antwort auf das Autorenduo Brecht und Weill“ geben will, weder inhaltlich noch musikalisch mit deren Intentionen viel zu tun. Das Wesentliche sagt Peaches, indem sie feststellt: „Ich bin eine Bilderstürmerin“. Doch das allein genügt nicht, um der Thematik der „Sieben Todsünden der Kleinbürger“ gerecht zu werden. Allenfalls stimmt ihre Behauptung: „Ich leuchte“, doch Erleuchtung ist etwas anderes.

So steht denn Peaches zunächst als Zottelgestalt auf der Show-Bühne mit roten Scheinwerfern im Hintergrund. Dann mit fünf Plastikbrüsten, neben sich zwei Vagina-Gesichter. Später mit nackten Hängebrüsten über einer Liebestöter-Unterhose. Sie singt, spielt und tanzt und bietet ihre eigene, mit Provokationen gespickte und davon lebende Performance zu den sieben Todsünden, die ihrer Meinung nach tot sind, mit denen sie sich aber dennoch, wenn auch nicht in der ursprünglichen Reihenfolge auf ihre Art auseinandersetzt. Bertolt Brechts Bühnenanweisungen werden in beiden Teilen negiert. Dieter Schnabel