Kultur

Kreuzgangspiele Feuchtwangen „Die Geierwally“ von Wilhelmine von Hillern

Eine Nummer kleiner täte es auch

Archivartikel

1200 Jahre Stadt Feuchtwangen, 70 Jahre Kreuzgangspiele Feuchtwangen, da mag schon einmal ein Blick in die Vergangenheit erlaubt sein. So setzt, Johannes Kaetzler, seit 2008 Intendant und damit der am längsten amtierende in der Geschichte dieser Sommerspiele, der dazu seinen Vertrag bis 2023 verlängert hat, zu Beginn der Saison 2019 „Die Geierwally“ von Wilhelmine von Hillern in Szene.

Ausgrabungen vergessener oder gar verschollener Theaterstücke sind manchmal ein lobenswertes, nicht immer auch lohnendes Unternehmen. Anders verhält es sich aber, wenn man die Inszenierung eines Dramas offeriert, das einst häufig gespielt wurde und das heute noch durch zuweilen gezeigte Filme und durch die Lektüre des der Geschichte zugrundeliegenden Romans bekennt ist. So lohnte denn in diesem Fall die Inszenierung, ob die Ausgrabung auch lobenswert ist, das steht auf einem anderen Blatt. Denn eine Nummer kleiner tät’s auch und wäre dann noch immer zu groß.

„Die Geierwally“ heißt die „Geschichte aus den Tyroler Alpen“ von Wilhelmine von Hillern, die 1873 zunächst als Fortsetzungsroman veröffentlicht und später von ihr, der Tochter von Charlotte Birch-Pfaiffer, die im 19. Jahrhundert die meistgespielte Theaterautorin war, selbst dramatisiert wurde und deren Uraufführung 1881 in Mannheim stattfand.

Ein Jahr später folgte die Uraufführung der Oper „La Wally’“ von Alfredo Catalani in Mailand, deren Libretto von Luigi Illica auf dem Roman fußt. 1921 spielte Henny Porten die Titelrolle in einem Stummfilm. 1940 entstand ein als „künstlerisch wertvoll“ und „volkstümlich wertvoll“ eingestufter Film, mit Heidemarie Hatheyer als Geierwally. In der Nachkriegszeit gab es dann noch einen weiteren Film, mit Barbara Rütting in der Titelrolle. Nicht zu vergessen eine parodistische Trash-Version von Walter Bockmayer und Hörst Bührmann, sowie ein 1995 in Graz uraufgeführtes Musical von Reinhard F. Gruber. In Feuchtwangen ist jetzt das ursprüngliche Schauspiel, in einer „Textfassung für die Kreuzgangspiele von Johannes Kaetzler“ zu sehen.

Das Ganze ist, auch in der jetzigen Version, wie man es dreht und wendet, ein von Hassgefühlen und Liebessehnsucht genährtes, mit kriminellen Machenschaften bis hin zu Mordversuchen durchsetztes Bauerndrama, das Ludwig Ganghafers Hochland-Romane, mit, ihrer Liebes- und Gebirgsromantik, geradezu als große Literatur erscheinen lässt. Und vergleicht man die aus dem Sprachmüll eines pseudo-alpenländischen Dialekts geformte „Geierwally“ mit Ludwig Anzengrubers Dramen, dann sind diese geradezu klassisch anmutende Volks-theaterstücke.

Von den Vorbehalten gegen das Stück abgesehen, muss man dem Team der Kreuzgangspiele Feuchtwangen attestieren, dass es aus der „Geierwally˚ das Beste macht. Der Bühnenbildner Werner Brenner zaubert vor dem Kreuzgang-Torso, im Wesentlichen aus Holz und Brettern, eine Alpenlandschaft. Die Kostümbildnerin Marion Schultheiss steuert passende Folklore-Kostümierung bei. Der Regisseur Johannes Kaetzler setzt das Ganze, garniert mit Musik von Michael. Refft, unterstützt von Alexander Ourth mit seinen stilgerechten Kampfszenen, als spannendes, bäuerliches Volksdrama mit Höhen und Tiefen im Äußeren und im Seelenleben der Protagonisten in Szene.

Dabei kommt der durchweg in geradezu naturalistischer Manier agierenden Darstellern ein nicht geringer Teil am Publikumserfolg der Aufführung zu. In der Titelrolle wandelt sich Judith Penes von der dickschädeligen Tochter des „Höchstbauern“ zur verliebten, dann hochnäsigen und schließlich demütigen Bäuerin. Den Mann ihrer Träume verkörpert Franz Josef Strohmeier als der seinem Namen in jeder Beziehung gerecht werdende, zum Schluss in Liebe mit ihr vereinte „Bären-Joseph“.

Eifersüchtig ist sie auf dessen vermeintliche Geliebte, die Magd Afra, die sich ganz im Stil der Autorin als dessen unehelich geborene Schwester entpuppt, die Linda Prinz als Gedemütigte spielt.

Andreas Wobig ist der knorrige, sture Vater der Geierwally und dazu der geschäftige Venter Bote. Ebenfalls in zwei Rollen, als Pfarrer und als Bauer, überzeugt Ulrich Westermann. Peter Heeg gibt dem weisen, seiner Herrschaft treu dienenden Knecht Klettenmaier ein eindrucksvolles Profil, und das nicht nur altersgemäß, sondern mit wandlungsfähigem schauspielerischen Können. Dieter Schnabel