Kultur

Staatstheater Stuttgart Zur Uraufführung eines „Thaddäus Troll“-Stücks, inszeniert von Gernot Grünewald / Kritisch-kabarettistischer Ansatz fehlt

Eine pausenlose Collage der Erinnerungen

1967 ist sein Buch „Deutschland deine Schwaben“ erschienen, das nicht nur zum Bestseller wurde, sondern Thaddäus Troll mit einem Schlag auch über die Grenzen des „Ländles“ hinaus in ganz Deutschland bekannt machte. Dabei war der 1914 in Bad Cannstatt als Hans Bayer Geborene zuvor schon ein erfolgreicher Journalist, anerkannter Theaterkritiker, Verfasser von zumeist satirischen Texten und engagierter Funktionär des Schriftstellerverbands. Und währenddes Krieges war der an der Universität Leipzig promovierte Wortberichter bei einer Propagandakompanie und Schriftleiter der Armeezeitung „Der Sieg“.

Das komplexe Leben dieses Mannes, der 1980 den Freitod wählte, versucht jetzt der 1978 geborene Gernot Grünewald in einem Theaterstück mit dem Titel „Thaddäus Troll“ zu verarbeiten, dem er ausdrücklich die Bezeichnung „Kein Heimatstück“ gibt und dessen Uraufführung im Kammertheater der Staatstheater Stuttgart er selbst inszenierte. Für Bühne und Kostüme zeichnet Michael Köpke verantwortlich, für Video – was in diesem Fall eine nicht unwichtige Rolle spielt – Thomas Taube, nicht zu vergessen, Kamera: Jochen Gehrung, Daniel Keller. Das Ergebnis ist eine Collage der Erinnerungen, die, „unter Verwendung von Texten von Hans Bayer/Thaddäus Tro11“,dem zuerst Genannten bedingt, dem unter seinem Pseudonym Schreibenden aber fast gar nicht gerecht wird.

Ein Film läuft, mittels dessen man das Geschehen, die Erlebnisse, aber auch die Angstträume der Akteure verfolgen kann. Das sind die vier Schauspieler Giovanni Funiati, Jannik Mühlenweg, Benjamin Pauquet und Sebastian Röhrle, die Hans Bayer alias Thaddäus Troll verkörpern sollen, in der Mehrzahl Nicht-Schwaben – und das bei der Vorlage „Deutschland deine Schwaben“, die einen wesentlichen Teil des Theaterstücks ausmacht –, die nicht einmal richtig „schwäbisch schwätze“ können.

Pausenlos, rund eineinhalb Stunden, geht es durcheinander. Da begegnet man Hans Bayer im Krieg, wird Zeuge seiner Arbeit als Wortberichter, erfährt aber auch von den Skrupeln- „Die Heuchelei war ihm zum Selbstverständnis geworden“ -, die ihn vor allem in der Nachkriegszeit plagen, von den selbstquälerischen Gedanken, die er sich macht und die vielleicht eine Erklärung für sein politisches Engagement vornehmlich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind, aber auch für die Depressionen, unter denen er zum Schluss gelitten hat und die wohl auch der Grund für seinen Freitod mit 66 Jahren waren.

Da werden aber auch immer wieder Kapitel aus seinem Buch Deutschland deine Schwaben“ auf die Bühne gebracht, sei es der „Schwäbische Sex“, der „Schwäbische Wein“, Gedenken zur „Kehrwoche“ oder Zitate aus seinem „Schwäbischen Schimpfkalender“. Was aber fehlt, das ist das elfte Kapitel aus dem bereits mehrfach erwähnten Buch, das den Titel „Dialektisches Denken“ trägt und das, nicht nur nach Thaddäus Trolls Meinung, ein wesentliches Charakteristikum des Schwaben ist. Doch gerade dieses vermisst man in dem nach ihm benannten Theaterstück. Wenn es auch „kein Heimatabend“ sein soll, dann werden die Buchpassagen doch zu heimattümelnd auf die Bühne gebracht und nicht mit spitz-kritisch-kabarettistischen Anspruch, wie es im Sinn von Thaddäus Troll gewesen wäre, der schließlich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Stuttgart, zusammen mit Werner Finck, Mitbegründer der satirischen Zeitschrift „Das Wespennest“ war und später für das Düsseldorfer Kabarett „Kom(m)ödchen“ Texte geschrieben und mit „Deutschland deine Schwaben“ mit giftigem, wenn auch mit Humor getränktem Stachel ins schwäbische Wespennest gestochen hat. Dieter Schnabel