Kultur

Literatur regional Rowohlt-Autorin Ulla Lachauer stellt in ihrem neuen Buch Imker aus verschiedenen Regionen vor

Eine Reise mit den Bienen durch Europa

Archivartikel

Mit Galina fing alles an. Im früheren Trakehnen, dem späteren Jasnaja Polnaja, kam Ulla Lachauer zum ersten Mal direkt mit der Imkerei in Berührung. Die Journalistin, Drehbuchautorin und freie SWR-Mitarbeiterin, die zusammen mit ihrem Mann Winfried Lachauer zwischen 1981 und 2008 ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Mannheim hatte, lernte Galina, eine junge Russin, 1991 auf einer ihrer zahlreichen Reisen ins Baltikum im einstigen Ostpreußen kennen.

Abrupte Wende für Sowjetbürger

Galina, eine alleinerziehende Frau von damals etwa 30 Jahren, arbeitete in der auseinanderfallenden Sowjetunion in einem Sowchos, einer Genossenschaft, als Imkerin. Wie sie die 150 Bienenvölker bewirtschaftete, wie sie bei ihrer Arbeit von einer Minute zur nächsten „auf einem anderen Planeten war“, das weckte Lachauers Interesse. So entstand allmählich die Idee zu einer Porträtreihe: 14 Imker quer durch Europa besuchte Lachauer. Vom schwedischen Gotland bis ins slowenische Sempas, vom Schwarzwälder Münstertal bis ins russische Sejny nahe der weißrussischen Grenze führten sie ihre Entdeckungsreisen zum Thema Imker und Bienen.

Es entstand eine knapp 400 Seiten starke Bestandsaufnahme mit Reportagen über die Bienen „als besondere Wesen“ und über die Frage, wie wir Menschen mit ihnen umgehen. Lachauer handelt so fast nebenbei grundlegende Fragen ab, die durch die Nachrichten der letzten ein, zwei Jahre – in denen alle Welt vom drohenden Bienensterben aufgeschreckt wurde – aktueller und brisanter denn je erscheinen: Welche Rolle spielen Bienen in Notzeiten und Krieg? Wie reagieren Imker auf die moderne Agrarindustrie?

Zeitgeschichte wird miterzählt

Fragen wie diesen begegnete Lachauer bei ihren Imker-Interviews immer wieder. Sie erkannte, „dass man in Notzeiten mit Hilfe der Imkerei überleben kann“, dass Imkern „selbst in EU-Ländern ein Stück Autonomie bleibt“. Sie tauchte bei ihren Recherchen und Gesprächen aber auch unversehens in die europäischen geschichtlichen Wendungen und politischen Wirren der letzten Jahrzehnte ein.

Durch Galina verstand sie das gesellschaftliche Drama besser, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ereignete. Oder sie entdeckte Spuren einer „braunen Vergangenheit der deutschen Imkerschaft“. Und sie stieß bei ihren Gesprächen in der einstigen DDR auf einen Staat, „der die Imker privilegierte, weil sie Devisenbringer waren“. Später gehörten sie allerdings zu den „Verlierern der Wende“, erfuhr Ulla Lachauer.

Tüftlern von einst verdanke die moderne Imkerei so manche wissenschaftliche Erkenntnisse. „Der Imker“, so Lachauers Fazit, „ist kein Feind des Fortschritts.“