Kultur

Frankenfestspiele Röttingen Turbulent-witzige Inszenierung von Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“

Eine rundum stimmige Inszenierung

Ein springendes schneeweißes Pferd, das übermannsgroß mit zwei Stangen an der Hausfassade Halt findet, und ein Alpenpanorama nebst bunt bemalten Toilettenhäuschen machen unmissverständlich klar: Das Singspiel „Im weißen Rössl“, der ewige Dauerbrenner des Musiktheaters, ist bei den Frankenfestspielen auf Burg Brattenstein in Röttingen angekommen.

Ein Gütesiegel gibt es schon, als das Singspiel von Ralph Benatzky kurz nach der Berliner Uraufführung 1930 auch am Broadway gespielt wird. Als Vorlage dient Hans Müller und Erik Charell ein 1896 in Bad Ischl geschriebenes Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg. Das Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei“ bewahrheitet sich hier nicht, obwohl mit Robert Gilbert, von dem auch die Liedtexte stammen, Bruno Granichstaedten und Robert Stolz gleich drei weitere Komponisten ein halbes Dutzend musikalischer Einlagen beisteuern.

Gleichgültig, ob man das Werk nun Singspiel, Schlager-Musical, Operettenrevue oder musikalische Komödie nennt: Dem jungen Regisseur Sebastian Eilers ist eine revueartige, rundum stimmige Inszenierung mit einem spielfreudigen und gesanglich bestens harmonierenden Ensemble gelungen; herzerfrischend bedient er die Klischees des paradiesischen Salzkammerguts, des Stadt-Land-Gefälles und der unterschiedlichen sozialen Herkunft der Protagonisten, ohne im Sentimental-Seichten zu stranden. Dem studierten Tänzer und gebürtigem Freiburger Eilers ist zudem eine gelungene Choreografie zu attestieren, sei es etwa eine deftige Balletteinlage mit wedelnden Kuhschwänzen oder ein aparter Regentanz mit Schirmen. Für zirzensische Einlagen ist ebenso gesorgt wie für das morgendliche „Kikeriki“-Weckritual des Piccolo. Allenfalls in einer Badeszene mit viel nackter Haut kommen etwas Bedenken, die Monika Steinwidder dann als radelnde und charmante Postbotin mit sauberen Registerwechseln beim Jodeln gleich wieder zerstreut. Die Inszenierung vertraut völlig vorurteilsfrei auf das Potenzial des Librettos und die Sogwirkung der Ohrwurmdichte dieses weltweit wohl am häufigsten gespielten Musiktheaters.

Die Ankunft des Wolfgangsee-Dampfers wird in der Inszenierung nicht nur mit einem dumpfen Tuten angezeigt, sondern das Landemanöver imaginiert ein Schornstein, der hinter dem Burgtor weißen Rauch ausstoßend in die Höhe wächst. Erst als lärmende Touristen, die keinen Blick für die Alpen-Idylle haben, rasch abgefertigt sind, geht das Singspiel richtig los.

Die charmante Ottilie (Simone Werner) ist mit ihrem reiseunwilligen Vater und Korsagenhersteller Wilhelm Giesecke (Klaus Brantzen) angereist, der sich missmutig nach einer Berliner Weiße mit Schuss sehnt. Andere Sorgen haben ein Professor Hinzelmann (Pavel Fieber) und seine lispelnde Tochter Klärchen (Katharina Lochmann), die mit ängstlichem Blick in ihre Reisekasse jede unnütze Ausgabe zu vermeiden trachten. Stammgast im weißen Rössl ist der smarte Rechtsanwalt Dr. Siedler, der zur Entspannung regelmäßig nach St. Wolfgang anreist, diesmal aber sein reserviertes Zimmer mit Balkon besetzt vorfindet. Dies hat ihm der eifersüchtige Zahlkellner Leopold (Franz Frickel) eingebrockt, der unsterblich in seine schöne Chefin, die Rösslwirtin Josepha Vogelhuber (Andrea Frohn) verliebt ist, und dem vermeintlichen Konkurrenten um ihre Gunst eins auswischen will. Kurzerhand quartiert er mit seinem Kellner Piccolo (Tobias Rupprecht) den Berliner Fabrikanten in das reservierte Zimmer mit dem einzigen Balkon ein. Inzwischen weiß er, dass dieser Giesecke gegen einen Mandanten von Dr. Siedler, dem geschäftlichen Erzkonkurrenten Sülzheimer einen Prozess zu verlieren droht. Als später noch dessen Sohn Sigismund (Timo Verse) auftaucht, lassen die turbulenten Szenen rund um Leopold und die Rösslwirtin als Hauptdarsteller nicht lange auf sich warten. So will Giesecke seine Tochter mit dem Sohn des Konkurrenten verkuppeln, doch Ottilie hat sich gleich dem Charme von Dr. Siedler ergeben. Sigismund hat dagegen erfolgreich um Klärchens Hand angehalten. Kellner Piccolo hat längst mit Kathi angebandelt, während das Glück von Leopold, der im Streit von der Rösslwirtin entlassen wird, bis nach dem Besuch Seiner Majestät, dem Kaiser (in einer Doppelrolle: Pavel Fieber) beim Schützenfest auf sich warten lässt. Dann wird er „auf Lebensdauer als Ehemann“ engagiert. Auch der erbittert ausgetragene Streit der Trikotagen-Fabrikanten wird beigelegt.

Für die Gesangseinlagen und originelle Tableaus gibt es immer wieder Zwischenapplaus, so auch für den geschickt einbezogenen örtlichen Kinderchor des von Frederike Faust geleiteten Jungen Theaters, der als quirlige Ausflugsschar die Bühne belebt und beim Empfang des Kaisers Fähnchen schwenkend für Stimmung sorgt.

Richtig ernst nehmen kann man im Stück nichts; doch an den Gefühlsschwankungen des Leopold und der Rössl-Wirtin Josepha nimmt man gerne Anteil, weil Franz Frickel und Andrea Frohn mit starker Bühnenpräsenz nie langweilen; vor allem, wenn die Fetzen fliegen, gehören ihre Gesangseinlagen zu den Höhepunkten der Aufführung. Die Alpenidylle wird durch den Wortwitz der Gesangstexte und Unterhaltungen erträglich; ein Verdienst vor allem der Hauptdarsteller, die ihre Rollen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich voll ausfüllen und nicht zuletzt des kleinen, aber elektronisch gut ausgesteuerten Orchesters unter Leitung von Walter Lochmann. ferö