Kultur

Staatsoper Stuttgart Peter Konwitschny inszeniert Cherubinis „Medea“

Eine Tragödie in der Küche

1797, in Zeiten der Französischen Revolution, wurde im Théâtre Feydeau in Paris Luigi Cherubinis „Médée“ uraufgeführt. Das veranlasste vielleicht Peter Konwitschny, das von ihm in der Staatsoper Stuttgart inszenierte Werk vom Palast und seiner Umgebung in die Küche zu verlegen.

Faszinierender Stoff

Bei den großen Dionysien des Jahres 431 v. Chr. wurde in Athen die in Korinth in sagenhafter Zeit spielende „Medea“ von Euripides, dem noch Aischylos und Sophokles jüngsten der drei großen attischen Tragiker, uraufgeführt. Dieser faszinierende Stoff bildete in der Folge die Grundlage für über 30 Opern, viele Bearbeitungen und einige Filme. Auf ihr und dem Drama „Médée“ von Pierre Corneille fußt auch des Libretto von Francois-Benoît Hoffman, das Luigi Cherubini vertonte.

Im Mittelpunkt des Interesses steht Medea, die mit ihren Zauberkünsten Jason behilflich war, das Goldene Vlies von Kolchis nach Griechenland zu holen. Gemeinsam fliehen die inzwischen Getrauten nach Korinth. Nach jahrelanger glücklicher Ehe verstößt Jason dort Medea, um Kreusa, die Tochter des Königs von Korinth heiraten zu können. Medea, die in der in Stuttgart zum ersten Mal vorgestellten „neuen deutschen Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze mit vom Regisseur selbst eingerichteten Dialogen“ zu Jason sagt: „Ohne meine Untaten hätten sie nicht das Goldene Vlies“, bringt ihre eigenen Kinder um. Am Ende antwortet sie auf Jasons Frage: „Was hast Du getan?“ nur: „Meine Ehre verteidigt“. Ein Begriff von Ehre und den Folgen ihrer Verletzung, die auch heute in gewissen, noch nicht in der Neuzeit angekommenen Kreisen existiert.

Musikalisch dramatisch gestaltet Luigi Cherubini den inneren Kampf der Titelheldin, wie überhaupt psychische Vorgänge gegenüber der äußeren Handlung dominieren. Leidenschaftlicher musikalischer Ausdruck von Rache, Klage, Wehmut und Flehen bestimmen das Geschehen, wobei widerstreitende Stimmungen, mit dramatischer und lyrischer Melodieführung, ineinander verwoben sind. So war denn für Johannes Brahms die „Médée“ von Luigi Cherubini in der der Chor keine Statistenrolle hat, sondern aktiv ins Geschehen eingreift, „das Höchste in dramatischer Musik“.

In ihrer „düsteren Größe und Erhabenheit“ geht Cherubinis „Médée“ weit über Glucks Opern hinaus. Sie findet ihre Entsprechung im malerischen Klassizismus und wird gemeinhin als seine monumentalste Oper bezeichnet.

In Stuttgart sieht das nun aber etwas anders aus. Von Klassizismus und Monomentalität kann da, vom Musikalischen einmal abgesehen, keine Rede sein. Eine weiß gekachelte Küche ist bei dem Ausstatter Johannes Leiacker über weite Strecken der Schauplatz der Handlung. Da tummelt sich der von Christoph Hein kompetent einstudierte Chor, wohl nicht im Kollektiv, aber im vermeintlich individualisierten, aber nicht verständlichen Durcheinander. Die Damen tragen teils festliche moderne (Mini-)Kleider von heute. Die Männer treten zuweilen als Matrosen oder Seeoffiziere in Gala-Uniform auf. Medea trägt einen schwarzen Mantel über einem bodenlangen, weinroten Kleid. Kreon bebrillt und Jason elegant treten ganz in Weiß auf, ebenso wie Kreusa als Braut. Schwarz gekleidet, das Unheil ahnend, ist Medeas Begleiterin Neris. Medeas zwei Söhne sind Kinder mit Spielzeug aus unseren Tagen. die auch schon einmal Medea fesseln, die sich dann aber befreien kann, um ihnen die Kehlen zu durchschneiden. Müll sammelt sich in der Küche an. Nach rund eineinviertel Stunden der knapp zweieinviertelstündigen Aufführung senkt sich ein Zwischenvorhang. Wenn er sich wieder hebt, ist die Küche bis auf wenige Reste zerstört, Abfälle bedecken die Szene. Zu einem musikalischen Furioso gibt es Turbulenzen.

Stimmlich überzeugend

In diesem Milieu versetzt Peter Konwitschny wohl das Geschehen ins Heute, stößt die Tragödie aber zugleich vom Sockel ihrer Größe und Monumentalität. Anders dagegen der musikalische Leiter, der Dirigent Alejo Pérez, der Luigi Cherubini und seinen Intentionen gerecht wird, indem er die Höhe und Tiefen von dessen grandios-eindringlicher Komposition mit dem Staatsorchester Stuttgart differenziert auslotet. Stimmlich überzeugt die Sopranistin Cornelia Ptassek mit einer dramatischen Gestaltung der Titelrolle. Mit profundem Bariton singt Shigeo Ishino den Kreon. Der auch als Konzertsänger erfolgreiche Tenor Sebastian Kohlhepp gefällt als Jason. Mit stimmlichem Erfolg gestalten die Sopranistin Josefin Feiler und die Mezzosopranistin Helene Schneiderman die Partien der Kreusa und der Neris. Dieter Schnabel