Kultur

Nibelungenfestspiele Proben für die Inszenierung im Sommer beginnen in Worms mit einer szenischen Lesung / „Siegfrieds Erben“ schreibt die Sage fort

Eine Welt am Rand der absoluten Ungewissheit

Archivartikel

„Rüste zum Krieg und vernichte sie!“ In Königsdramen gibt es oftmals eine Figur, die einen unwiderstehlichen Einfluss auf den Hauptprotagonisten ausübt und damit Schicksal spielt. Wie die Schamanin im Stück „Siegfrieds Erben“, mit dem die Wormser Nibelungenfestspiele in diesem Sommer reüssieren wollen. Gestern haben die Proben begonnen.

Pheline Roggan verengt in der Rolle der Schamanin ihre Augen zu einem schmalen Schlitz. Die Mimik wirkt bedrohlich; dabei werden zum Probenbeginn die Rollen nur gelesen. Doch auch Jürgen Prochnow, der in Worms den Hunnenkönig Etzel spielt, betritt in Gedanken wohl schon die Bühne. Er spricht mit vor Trauer schwerer Stimme. Schließlich hat Etzel in der Schlacht gegen die Burgunder seine Söhne verloren. „Was beginnen und was beenden?“, fragt der Hunnenkönig bang in die Runde. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die das Stück „Siegfrieds Erben“ geschrieben haben, weisen dem Herrscher den Weg: Er soll nach Worms ziehen, um dort sein Erbe, den sagenhaften Schatz, einzufordern.

Beide Autoren sitzen im Plenum, als Künstlerischer Leiter Thomas Laue Akteure und Beteiligte begrüßt. Mit der Fortschreibung der Nibelungensage, die bei Friedrich Hebbel mit Kriemhilds Rache endet, werde in Worms ein „neues Kapitel“ eröffnet. Für Regisseur Roger Vontobel stellt sich beim Blick auf das Buch die „Frage nach Zukunft, nach Neubewertung“. Auch die modernen Gesellschaften müssten eine Lösung des Rätsels finden: „Wie können wir weitermachen?“

Intuitives Gespür gezeigt

Aus der Sicht des Schweizer Regisseurs steht die Welt „am Rande der absoluten Ungewissheit“. Alte Besitzstände lösten sich auf, herkömmliche Verhaltensmuster funktionierten nicht mehr. Nun sei zu fragen: „Wie wird die Weltordnung neu geschrieben?“ Dass diese Fragen im Theaterstück auf der Bühne verhandelt würden, sei ein Beleg dafür, so Vontobel zum Probenauftakt, dass Konflikte nicht in der Abschottung, sondern in der direkten Auseinandersetzung gelöst werden müssten.

Unterdessen zieht in Worms ein weiterer düsterer Tag herauf, von Felix Rech und Michael Ransburg in den Rollen des Dietrich von Bern und des Hildebrand ahnungsvoll beschworen. Mit intuitivem Gespür fühlen sich die Schauspieler in ihre Rollen ein, in denen sie vom 20. Juli bis 5. August ein neues Stück Wormser Festspielgeschichte schreiben wollen.