Kultur

Literatur regional Band zur Reihe „Literatur im Schloss“

Eine Welt im Kleinen

Kulturprogramme mit einem formbewussten Rahmen sind auch jenseits der Metropolen zu finden. Im Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim hat seit Jahren die Reihe „Literatur im Schloss“ einen festen Ort, passend nicht zuletzt deshalb, weil dort auch an den Dichter Eduard Mörike erinnert wird, der einige Jahre in Mergentheim lebte.

Die vom Kulturjournalisten Ulrich Rüdenauer, der auch für diese Zeitung tätig ist, veranstaltete Lesereihe bietet ein breites Spektrum. Und alle paar Jahre erscheint ein kleines Buch, das ebendieses Autoren-, Genre- und Themenspektrum repräsentiert. Das jüngste liegt nun unter dem Titel „Das war die Gegenwart“ vor, herausgebeben von Rüdenauer und versehen mit Autorenfotos von Uwe Weil. Die Bände bringen Texte zusammen, die die Autoren eigens dafür ausgewählt haben, die großteils noch nicht oder an entlegenen Stellen publiziert worden sind – und während der Veranstaltungen nicht vorgetragen wurden.

Von Sibylle Lewitscharoff über Judith Hermann, Lutz Seiler oder Ingo Schulze reicht das Spektrum der Autoren. Der Lyriker Jan Wagner ist vertreten, auch Hans Magnus Enzensberger. Mal sind die Texte bestimmter, mal umkreisen sie sachter, eher tastend ihren Gegenstand. Essay steht neben Prosaskizze und Gedicht. Auch der im Dezember verstorbene Wilhelm Genazino begegnet noch einmal dem Leser.

Genazinos „Nachtangst“

Seine beiden Texte thematisieren den Tod. In „Nachtangst“ bildet eine Erinnerung an die Mutter den Ausgangspunkt einer gewohnt intensiven Betrachtung. Er spricht die mehr oder weniger explizit auch in seinen Romanen berührte Langeweile in seinem essayistischen Stück „Es genügt, das Gras anzustarren“ an. Er deutet sie als Empfindung, die Einsichten gewährt, schon deshalb, weil sie „eine Unterbrechung der Lebensraserei“ sei. Aber es gibt noch dieses Andere: Es „steckt in jeder Langeweile eine kleine Anzahlung auf den Tod“. In jedem Text Genazinos, so bestätigt sich, steckt eine ganze Welt im Kleinen. tog