Kultur

Sammlung Würth „Äpfel und Birnen und anderes Gemüse“ im Museum Würth zu sehen

Eine ziemlich runde Sache

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll der Reformator Martin Luther (1483-1546) einst gesagt haben. Das Zitat ist nicht belegt, stimmt aber hoffnungsfroh: Statt A wie Artensterben und Apokalypse, A wie Apfel und Aufatmen. Es könnte auch 400 Jahre später vom Apfelpfarrer Korbinian Aigner (1885-1966) formuliert worden sein. Der bayerische Theologe, der im „Obstbau die Poesie der Landwirtschaft“ sah und 1908 den ersten Obstbauverein gründete, erkannte den Sinn der Sortenvielfalt. Im Laufe seines Lebens malte er über 900 Apfel- und Birnenbilder.

Unter der Überschrift „Die 150 besten Apfelsorten“ weckt das Magazin der SZ 1998 erstmals das Interesse an der Person Korbinian Aigner – seine Postkartengroßen Aquarelle illustrieren den Bericht von Petra Schwab. Um etliche Motive erweitert erregt die Bildserie bei der 13. Documenta (2012) in Kassel internationales Aufsehen. Die umfänglichste Präsentation des Aigner- Nachlasses – 602 Äpfel und 275 Birnen – zeigt aktuell die Ausstellung „Äpfel und Birnen und anderes Gemüse. Die Obstbilder von Korbinian Aigner im Dialog mit der Sammlung Würth“.

Spannende Reise in Bildern

Sorgfältig gerahmt und chronologisch angeordnet, ist das Konvolut aus dem Archiv der TU München Ausgangspunkt einer spannenden Reise in Bildern. Sie beginnt bereits vor dem Museum Würth in Gaisbach: „Rote Sternrenette“, „Schöner von Nordhausen“, „Prinzenapfel“ und „Krügers Dickstiel“ – junge Bäumchen alter Tafelapfelsorten mit klangvollen Namen stehen Spalier, um die Besucher zu empfangen. „Krügers Dickstiel“ trägt aufgrund der vielen Farbschattierungen, die seine Schale annehmen kann, übrigens noch den hübschen Beinamen „Farbenschachtel“.

Der ästhetische Reiz spiegelt sich auch im Reichtum historischer und symbolischer Motive rund um den Apfel. Als verbotene Frucht taucht er in Paradies-Variationen von „Adam und Eva“ bei Alfred Hrdlicka, Karl Hurm und, großformatig, bei Fernando Botero auf. Die von den Hesperiden bewachten goldenen Äpfel, die den Göttern der griechischen Mythologie ewiges Leben versprechen, oder der Zankapfel der Göttin Eris, den Paris der Schönsten geben sollte, finden sich in Werken von Petra Lemmerz oder Heinrich Brummack wieder. Als Symbol der Macht taucht der „Reichsapfel“ in einer dreiteiligen Bronze von Uwe Lindau auf. Hyperrealistisch gemalt sind die „Sieben Äpfel“ von Anne Hausner.

Mehr Pomologe als Theologe wurde Aigner genannt. Die Arbeit an den Äpfeln sei ein Dienst an der Schöpfung. Und den Menschen, verteidigte er sich. Seine detailgenauen Abbildungen sind im Wesentlichen Anschauungsmaterial und nützliche Information als Grundlage eines diversifizierten Obstanbaus. Er verstand sich nicht als Künstler, sondern als Pädagoge und Pragmatiker. Dennoch sind aus heutiger Sicht Übergänge zu Stillleben, Seriellem und Konzeptionellem evident. Über 40 Künstler der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst vertiefen die Auseinandersetzung mit dem Apfel. Dessen lateinische Bezeichnung „Malus“, also „schlecht“, ist irreführend. Tatsächlich haben Äpfel erstaunliche Heilwirkungen – insbesondere die alte Sorten.

Der Apfel, ein farbenprächtiger, duftender Handschmeichler, ist die Frucht der Erkenntnis schlechthin: Von Adam und Eva bis Isaac Newton, der im Schatten von Apfelbäumen saß und beim Fall einer reifen Frucht die Erkenntnis der Erdgravitation gehabt habe.

Selbst faulen Äpfeln verdankt die Weltgeschichte große Hymnen und Dramen: Friedrich Schiller lagerte vergammelte Äpfel in seiner Schreibtisch-Schublade, da er nach eigener Aussage den Geruch des Verfalls zum Schreiben brauchte. Ohne Äpfel also kein „Wilhelm Tell“ und keine „Ode an die Freude“ – wer weiß?