Kultur

Carmen Würth Forum Netrebkos Liebeserklärung als Krönung der hochkarätigen Kultursaison in Künzelsau

Einen fulminanten Arienabend erlebt

Archivartikel

Die Netrebko im Carmen-Würth-Forum! Was im Würth-Programmheft der Saison als „besonderes Highlight“ mit „weltweit renommierten Solisten“, aber ohne Namen zu nennen, angekündigt wurde, entpuppt sich als sensationelle Überraschung: Die russische Primadonna Anna Netrebko und ihr Ehemann, der Tenor Yusif Eyvazov, geben sich bei der Würth Klassik-Soirée in Künzelsau die Ehre.

Enormer Ansturm

Eben noch in der Royal Albert Hall London, einem Amphitheater mit der Kapazität von 9500 Plätzen, von der britischen Presse hochgelobt und vom Publikum gefeiert, gastieren sie mit fast identischem Programm im Kammermusiksaal vor 600 Zuschauern. Welch ein Privileg einer von 600 (statt von knapp 10 000) zu sein!

Wegen des enormen Ansturms auf die Konzertkarten (sie waren binnen weniger Minuten ausverkauft) wird das Top-Ereignis Live auf drei Großleinwänden in den Saal nebenan übertragen, wo weitere 300 Besucher das Ereignis miterleben.

Souverän, dynamisch und aus einem Guss präsentieren sich die Würth Philharmoniker unter Leitung von Claudio Vandelli als hervorragende Begleiter des Gesangs, wie, mit Zwischenspielen (Ouvertüren, Tänze, Intermezzi), als gereifter Klangkörper. Das Konzert von Weltniveau krönt die erste Spielzeit im Carmen Würth Forum mit einem Ausflug ins Universum der Oper, vornehmlich der italienischen.

Begeisterung entfachen Duette und Arien von Giuseppe Verdi („Otello“, „Aida“, „La forza del destino“ und „La Traviata“), Giacomo Puccini („Tosca“, „Manon Lescaut“ und „Turandot“) und Nikolai Rimsky-Korsakov („La sposa dello zar“) beim Publikum, zu dem, neben vielen russischsprachigen Gästen, auch das Unternehmer-Ehepaar Carmen und Reinhold Würth gehört. Für Jubel, Bravos und Beifall im Stehen gespendet, bedanken sich die großartigen Musiker mit einer kurzen Zugabe, dem „Canta mi“ (Igor Krutoi) von ihrer CD „Romanza“.

Die Netrebko, in königsblauer, ärmelfreier Robe, ist in absoluter Bestform.

Farblich kann man sich kaum einen schöneren Kontrast zur holzvertäfelten Innenarchitektur des Chipperfield-Baus vorstellen. Helles Funkeln des breiten, silber-glitzernden Dekolletés, der dazu passenden Manschetten und Ohrringe – erfrischend wie Quellwasser sprüht hier jede Gefühlsregung, brilliert der Sopran bis ins feinste Tremolo, optisch wie akustisch. An ihrer Seite ihr Mann in rauchblauem, langem Sakko gibt das Paar ein stimmiges wie stimmlich schönes Bild.

Weniger Diva denn je, stellt sie sich gesanglich wie darstellerisch ganz in den Dienst der Musik, der Figuren sowie ihrer Charaktere und nicht zuletzt in den des Publikums: „Wir haben große Stimmen, es ist ein großes Orchester, aber ein relativ kleiner Saal“, sagt sie zur Begrüßung und verspricht „We will sing a little bit softer“ („Wir werden etwas leiser singen“). Bezogen auf ihr Repertoire, ist die Netrebko eine der Besten ihrer Generation.

Ihre fantastische Stimme kann mühelos Register wechseln – von satter, dunkel-getönter Bruststimme über opulente Mittellagen bis zu strahlenden Spitzentönen. Ob sie die Leidenschaft der Prinzessin Aida in „Ritorna Vinicitor“ zum Ausdruck bringt oder Affekte und Verletzlichkeit der Marfa in der Wahnsinns-Szene aus Rimsky-Korsakovs „Zarenbraut“ durchspielt, alles, was die Netrebko singt, ist zugleich natürlich und atemberaubend.

Warmes Timbre

Mehr als nur der Tenor an ihrer Seite glänzt Eyvazov. Seine offen-kehligen Vokale und sein süffig warmes Timbre schwören den Belcanto der Tenöre alter Schule herauf. Zudem verfügt er über eine schier unerschöpfliche Lungen-Kapazität, wie das Anhalten des Höhepunkts im wunderbar interpretiertem „Nessun dorma“ zeigt. Neben italienischer Oper stehen Reminiszenzen an Komponisten ihrer Heimat und Wahlheimat Wien auf dem Programm: Sie singt Richard Strauss‘ „Cäcili“ auf Deutsch, die Zarenbraut Marfa auf Russisch, und er widmet seinem Landsmann, dem Komponisten Fikret Amirov das Lied des Balash.

Wer will, kann im Intermezzo aus „Manon Lescaut“ einen lebensgeschichtlich entscheidenden Momente aufblitzen sehen – bei Proben zu dieser Puccini-Oper hatte sich das Paar 2014 in Rom kennengelernt und im Jahr darauf in Wien geheiratet.

Das Konzert ist eine einzigartige Liebeserklärung: Zwei internationale Künstler, die zusammen, wie ein Herz und eine Seele, die Gefühlstiefen der Musik auskosten und mit dem Publikum teilen.