Kultur

Enjoy Jazz Abschlusskonzert in der Christuskirche Mannheim mit dem Django Memories Quartet und Gastgitarrist Biréli Lagrène

Einer nimmt sich die Freiheit

Es hat Symbolkraft, dass die Abschlussveranstaltung von Enjoy Jazz in diesem Jahr auf den 11. November fällt. An dem Tag, der für Karnevalisten die fünfte Jahreszeit einläutet, endet in der Region Rhein-Neckar die sechste. So eindrücklich hat sich das Festival Enjoy Jazz im hiesigen Kulturkalender etabliert, mit sechs Wochen Dauer und täglichen Konzerten, in Mannheim, Heidelberg oder Ludwigshafen, eins der größten seiner Art zumindest in Europa.

Es hat sich inzwischen auch herumgesprochen in der Welt. Bis nach China: Zu den zahlreichen auswärtigen Fachjournalisten gehört beim Konzert in der Mannheimer Christuskirche die Korrespondentin eines Kulturmagazins in Peking. Sie kann ihren Lesern von einem der erfolgreichsten Jahrgänge des Festivals im 19. Jahr seines Bestehens berichten. Mehr als 20 000 Besucher haben das reichhaltige Programmangebot wahrgenommen, dreißig der gut siebzig Veranstaltungen waren ausverkauft.

Auch im imposanten Rund der Christuskirche sind die Bänke komplett gefüllt. Und das bei einem Konzert, mit dem Enjoy Jazz, ansonsten der aktuellen Entwicklung dieser Musik verpflichtet, zum ersten Mal weit zurückgreift in die Jazz-Geschichte. Das Django Memories Quartet erinnert an Django Reinhardt, den Gitarristen aus Frankreich, der in den 1930er Jahren den sogenannten Sinti-Swing begründet und damit den ersten völlig eigenständigen Beitrag Europas zum Jazz geschaffen hat.

Einer seiner berufenen Nachfolger ist der niederländische Gitarrist Stochelo Rosenberg, bekanntgeworden durch das von ihm geleitete Rosenberg Trio, seit drei Jahrzehnten eines der Spitzenensembles des Sinti-Swing. Auch das von ihm nun zusammengestellte Quartett pflegt das altehrwürdige Genre, wenn auch mit neueren Zutaten. Außer Kompositionen aus der Feder oder zumindest dem Repertoire von Django Reinhardt stehen Titel wie das brasilianische Samba-Stück "Manhã De Carnaval" auf dem Spielplan, das Django nicht mehr kennen konnte, weil er 1953 bereits gestorben ist.

Das erweiterte Repertoire ändert nichts daran, dass Stochelo Rosenberg als Solist auf der akustischen Gitarre, mit hart angeschlagenen, wie gemeißelt wirkenden Einzeltönen in oft virtuos hohem Tempo ganz auf den Spuren des großen, ja übermächtigen Vorbildes wandelt. Aber nicht von ungefähr ist in den Begrüßungsansprachen zuvor, von Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz, Enjoy-Jazz-Schirmherr Staatssekretär a.D. Michael Sieber und Festivalleiter Rainer Kern, der Drang nach künstlerischer Freiheit als zentrales Element des Jazz hervorgehoben worden. Die Freiheit nimmt sich der Gastsolist des Abends, Biréli Lagrène.

Der Gitarrist aus einer Sinti-Familie im nördlichen Elsass ist schon als Wunderkind der 1980er Jahre stilistisch zweigleisig unterwegs gewesen, hat außer Sinti-Swing gerne Jazzrock gespielt. Die dort üblichen elektronischen Zusatzgeräte zur Gitarre verwendet er jetzt auch in Mannheim. Unter maßvollem Einsatz von zum Beispiel Echo-Effekten gelingen ihm dabei Soloimprovisationen, bei denen ein ums andere Mal Genialität aufblitzt, wenn er seine komplexen langen Linien mit überraschenden Einfällen spickt, die auch die Abgrenzungen der Form eines Stücks locker überspringen.

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