Kultur

Konzert Phil Collins gab den ersten von insgesamt sieben Deutschland-Auftritten in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena / Körperliche Verfassung macht traurig

Einer sitzt, alle anderen tanzen

Wenn einer sitzt und alle anderen tanzen – ja, dann befindet man sich in einem Phil-Collins-Konzert. So geschehen am Mittwoch in der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart. Knapp 40 000 Zuschauer sind komplett aus dem Häuschen, singen aus voller Kehle mit, schließlich begleiten die Klassiker die meisten im weiten Rund schon seit den späten 80ern.

Der 74-Jährige und seine fulminante kleine Rock-Big-Band feuern ein zweistündiges Hitfeuerwerk ins Volk, das aber erst in der zweiten Hälfte des schwülen Abends so richtig zündet und das Stadion in einen fiebrigen Nachtclub, der auch in New Orleans stehen könnte, verwandelt. Die soul- und funkigen Klassiker sind der richtige Soundtrack für eine Nacht mit tropischen Temperaturen.

Ovationen

Phil Collins, empfangen mit stehenden Ovationen, schleppt sich mehr als er geht mühsam mit einem Gehstock zu einem Barhocker, der in der Mitte der großen Bühne steht. Artig bedankt er sich bei den Leuten, dass sie gekommen sind, und erklärt, dass er leider sitzen müsse. „Das soll Euch aber nicht davon abhalten, zu tanzen“, ruft er der Menge freudig zu.

Doch bis es soweit ist, sollte es noch etwas dauern. Denn der Start ist zwar stimmungsvoll, aber verhalten. Mit „Against all odds“ und „Another day in Paradise“ stellt er gleich zwei seiner größten Hits an den Anfang. Für Opener sind sie aber doch sehr getragen. Für eine laue Sommernacht dennoch ein guter Start.

Dann steigen die Bläser ein und die Reise vornehmlich durch die 80er und 90er Jahre nimmt Fahrt auf. „Billy don’t you lose my number“ lässt erahnen, zu was die Combo fähig ist.

Danach geht es erstmal zu seiner Band „Genesis“. Nach „Throwing it all away“ gibt’s einen Abstecher in die späten 70er Jahre mit „Follow you, Follow me“, das von den Fans frenetisch mitgesungen – aber von der Band zu schläfrig gespielt wird. Gleiches gilt für „Missed again“. Hier fehlt es an Zug.

Der Song kommt allzu beliebig daher und rauscht vorbei. Im ersten Teil des Abends ist das musikalische Korsett zu eng, ist die Band zu zurückhaltend.

Hinzu kommt, dass die Gitarre von Daryl Sturmer zu weit nach hinten abgemischt ist und es den Songs so ein wenig an Schärfe fehlt. Dem ersten Teil hätten ein paar mehr Genesis-Songs wie „I Can’t dance“, „Land of Confusion“ oder „Mama“ gut getan.

Da muss schon ein Drum-Solo herhalten, um das Eis endgültig zu brechen. Als Phil Collins ins Zwiegespräch zwischen Schlagzeuger und Percussionist einsteigt, gibt es kein Halten mehr. Selbst das langsame, nur mit Klavierbegleitung vorgetragene „You know what I mean“ ist nur eine kurze Atempause für einen furiosen Schlussspurt, der in einer ausgelassenen Party endet.

Flirrendes „In the Air Tonight“

„In The Air Tonight“ ist flirrend, pulsierend und elektrisierend. Die Gitarren-Riffs sind messerscharf, und das Schlagzeug-Break ist live noch spektakulärer als auf CD. Danach wirkt die Band wie befreit und dreht bei den Hits „Can’t hurry love“, „Dance into the light“, „Invisible touch“, „Easy Lover“ und „Sussudio“ so richtig auf. Soulig, funkig (fantastische Bläser) und ungeheuer dynamisch dringen die Pop-Perlen aus den Boxen. Und es sitzt wirklich nur noch einer: Phil Collins.

„Still not Dead yet“ lautet, mit typisch britischem Humor, die Tour in Anspielung zum einen auf den körperlichen Zustand des Sängers und zum anderen auf die künstlerische Reputation, die Phil Collins als Totengräber der progressiven „Genesis“ und beliebigen Pop-Barden abstempelte. Doch so richtig lebendig ist er an diesem Abend nun auch wieder nicht.

Nicht nur, dass der einst quirlige, stets umherhüpfende und springende Performer nahezu bewegungslos auf dem Barhocker verweilen muss, macht traurig.

Auch die Stimme hat nicht mehr die Kraft früherer Tage. Zwar ist sie nach wie vor charismatisch, doch es fehlt bisweilen an Volumen und Höhe.

So lässt er manche Textpassagen ganz aus oder kann sie nur mit der Unterstützung seines erstklassigen Background-Chors bewältigen.

Die Leichtigkeit fehlt

Und was noch schlimmer ist: Ihm fehlt die Leichtigkeit früherer Tage. Es sieht doch mitunter etwas gequält aus, wie er die Töne herausdrückt. So richtig nimmt man ihm den Spaß am Musizieren nicht mehr ab. Als er sich mit einem „Auf Wiedersehen“ verabschiedet, weiß man nicht so recht, ob man sich freuen soll.

Gut, aber nicht sehr gut

Keine Frage, es ist ein gutes Konzert, das Phil Collins und seine Mitstreiter den Fans servieren. Aber es ist kein sehr gutes, und das liegt auch daran, dass der charismatische Zeremonienmeister früherer Tage fehlt. Im Vergleich zum letzten Open-Air, als ich ihn mit Genesis bei der Comeback-Tour in Frankfurt gesehen habe, ist der Auftritt des 74-Jährigen am Mittwoch in Stuttgart eher bescheiden.

Der Engländer hat die Messlatte aber auch sehr hoch gelegt. Und so bleibt ein wirklich unterhaltsamer, aber kein unvergesslicher Abend. Sein Kommen dürfte keiner bereut haben.

Zwiespältige Gefühle dürfte bei der Tour auch Mike Rutherford haben. Einst Bandkollege bei Genesis, darf er nun nur noch als Anheizer mit seinen Mike & the Mechanics an dem Spektakel teilhaben. Nicht einmal bei den Genesis-Songs darf er die Band verstärken.

Sicherlich ein Abstieg. Aber immerhin hat er so die Gelegenheit, seine Songs vor zig tausend Menschen zu spielen. Das würden er und seine Band als Headliner nie schaffen.

Der Auftritt von Mike & the Mechanics weist einige Parallelen zu dem von Phil Collins auf. Auch hier verfallen einige Songs vor allem in der ersten Hälfte dem Beliebigkeitsfaktor.

Erst am Ende mit „Silent Running“, „The living Years“, All I need is a Miracle“, „Over my Shoulder“ packen die Mechaniker die Fans.

Und mit dem abschließenden „Word of Mouth“ gelingt ihnen, was nur wenigen Vorbands gelingt: Die Leute stehen und singen mit und das sogar in den entlegensten Sitzplatzreihen.

Alle Achtung.

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