Kultur

Literatur Siri Hustvedt erkundet in ihrem neuen Roman „Damals“ qualvoll, wie sie zu dem wurde, was sie heute ist

Einfach kompliziert

Archivartikel

Kennen Sie dieses seltsame Gefühl? Sie wissen, dass Sie ein wichtiges Buch in Händen halten, können sich aber nicht mit diesem Roman anfreunden, der das Schreiben und Lesen neu definieren, Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen lassen, Literatur und Wissenschaft vereinen will – und einfach nur kompliziert und langweilig ist: Siri Hustvedt, die bisher mit ihren Büchern so elegant zwischen Dichten und Denken, Analyse und Unterhaltung balancierte, die in ihren Romanen starke Frauenfiguren erfand, die alles weiß über Psychoanalyse und Neurologie und sich selbst in einem Essay als eine von einem Trauma belastete „zitternde Frau“ beschrieb, ist diesmal weit übers Ziel hinausgeschossen.

„Damals“ will partout nicht nur eine einzige verständliche und die Fantasie beflügelnde, sondern gleich viele in sich verschlungene Geschichten erzählen; will einen Spaziergang durch die Weltliteratur unternehmen, mit Philosophie und Politik jonglieren, Marx und Freud, Foucault und Derrida herbeizitieren, als wären sie Spielkameraden. Hustvedt, die uns feministisch verzauberte mit „Die unsichtbare Frau“ und mit „Sommer ohne Männer“ zum Lachen brachte, konstruiert in „Damals“ die Erzählung wie ein Spiegelkabinett, in dem sich Schreibende und Lesende immer wieder neu sehen und entdecken können, ein Labyrinth, in dem man immer wieder entscheiden muss, welcher Weg der richtige sein könnte, um ans Ziel der Träume zu kommen. Aber was ist das Ziel und wie lauten die Träume? – so fragt man sich irritiert und genervt von den allzu vielen Neben- und Irrwegen.

Pizza-Reste als Nahrung

„Memories of The Future“ heißt der Roman im Original: Erinnerungen an die Zukunft. Das trifft den Kern des komplizierten literarischen Pudels, der irgendwann nicht mehr laut bellt, sondern sich still in ein Loch verzieht. S. H., so nennt sich die Autorin, hat alte Notizhefte wiedergefunden. Mit ihrer Hilfe kann sie sich in die Zeit – Ende der 1970er Jahre – zurückversetzen, als sie von Minnesota nach New York kam, um sich in der Metropole als Schriftstellerin zu behaupten. Sie haust in einem schäbigen Apartment, liest viel, lernt Leute aus der Kultur-Szene kennen, ist ständig pleite und ernährt sich manchmal von Pizza-Resten aus dem Müll. Sie laboriert an einem Kriminalroman, eine feministische Sherlock-Holmes-Variante, belauscht ihre Nachbarin Lucy, die Selbstgespräche führt und seltsame Geräusche von sich gibt. Lucy ist vielleicht verrückt, aber sie wird S. H. vor einer Vergewaltigung retten.

Und so sehr sie sich auch abmüht, zwischen den alten Notizen der 23-Jährigen und heutigem Wissen der 63-jährigen Autorin hin und her schweift: S. H. kann nicht verstehen, warum sie den zudringlichen Mann überhaupt mit in ihr Apartment genommen und dort fast ohne Widerstand jede Kontrolle über das Geschehen verloren hat.

Weil die Wunde immer noch schmerzt und verarztet werden will, rekonstruiert S.H. ihr Leben, erfindet neue Geschichten, zitiert aus ihren alten und neuen Büchern, entwirft Theorie-Gebäude, um Literatur und Leben in Einklang zu bringen. Doch der Roman kommt nicht vom Fleck und rettet sich – eigentlich unverzeihlich bei einer so belesenen und selbstkritischen Autorin wie Hustvedt – in politische Phrasen und feministische Plattitüden. Die literarische Postmoderne dreht sich im Kreis. Beim nächsten Mal dürfte es gern wieder etwas einfacher und unkomplizierter sein.